Spiel mir das Spieluhr-Lied vom Tod

6. April 2003, 20:01
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Tiedemanns Inszenierung von "Die Zeit der Plancks" am Burgtheater

Am Burgtheater inszenierte Wien-Rückkehrer Philip Tiedemann "Die Zeit der Plancks" des Katalanen Sergi Belbel: Mit der Präzision eines Uhrmachers setzte er das große Räderwerk in harmonischste Bewegung. Ein Abend, an dem der Sinn vor der schieren Schönheit kapituliert.


Wien - Die Schönheit der Spieluhr ist sinnfrei. Ihr Zauber beruht auf dem kunstvollen Zusammenklang einfacher Melodei, sorgsam gedrechselter Püppchen, artifizieller Bewegungsapparatur, kurz, auf der Magie der Mechanik, dem andächtigen Staunen über liebevollste Handwerkskunst. Ein Banause, wer im sorgfältig geölten, fein verzahnten Räderwerk der Apparatur nach sprödem Sinn wühlte.

Was daher im Folgenden vermieden sei: Gute eineinhalb Stunden nämlich klimperte die Burgtheater-Spieluhr, aufgezogen von Regisseur Philip Tiedemann und Autor Sergi Belbel, während der surrealen Zeit der Plancks im allerlieblichsten Zauberklang seit langem.

Eineinhalb Stunden lang stimmte jeder Ton der eigens von Jörg Gollasch komponierten Zirkus-Musik, vereinigte sich die Märchenbühne (samt Sternenhimmel!) hinter den großen schwarzen Flügeltüren (alles ganz, als wär's von Karl-Ernst Herrmann, in Wahrheit aber war's von Etienne Pluss) mit den geschmackvollsten Kostümen (Franz Lehr) und den berauschendsten Frisuren-Kegeln zu einem ganz einfach schönen, eleganten Ganzen, in dem jeder Satz mit dem richtigen Timing gesetzt wurde, jede Bewegung sich vollkommen ins große Gesamtkunstwerk einfügte.

Keine Frage, Philip Tiedemann ist auch in Berlin, wohin er mit Claus Peymann ans Berliner Ensemble zog, der hochmusikalische Theater-Komponist geblieben, der alle Versatzstücke des großen Bühnen-Zauberkastens zu einer in höchstem Maß harmonischen Gesamtpartitur verwebt. Mit dieser Kunst hatte er bereits vor seinem Weggang aus Wien das Publikum mit Schwitters ebenso hingerissen wie später mit Peter Handkes Publikumsbeschimpfung, einem chorisch-strengen Kas- par oder, zuletzt, mit Thomas Bernhards Claus Peymann kauft sich eine Hose.

Immer aber wohnte seinem Zauberkasten-Spiel die Gefahr inne, über dem betörenden Glanz der vollkommenen Theater-Poesie deren inhaltlichen Kern aus dem Auge zu verlieren.

Mit dem katalanischen Autor Sergi Belbel allerdings scheint er hierfür einen kongenialen Partner gefunden zu haben. Nimmt dieser doch den tiefen Sinn auch nicht immer ganz so wichtig. Hochmusikalisch wie Tiedemann, Theaterprofi wie dieser - Belbel, heute neben Garcia Lorca der am meisten gespielte spanische Autor, war immer auch Regisseur, vor einem Monat erst inszenierte er in Barcelona mit Rossinis Il Viaggio a Reims seine erste Oper - weiß er seinen Texten die gewisse Mischung aus sprachlicher Rhythmisierung und kurzweiliger Situationsdramatik zu verleihen, nach der das Theater verlangt. Mit Botschaften, Philosophie kokettiert er eher, als ihren Fragen tatsächlich bis zuletzt nachzugehen.


Nach dem Urknall

So ist auch Die Zeit der Plancks allerfeinst geklöppelte Dramenspitzenkunst: angesiedelt im Sekundenbruchteil der nach dem Physiker Max Planck sogenannten Planck-Zeit - einem Milliardstel von einer milliardstel Millionstelsekunde - jenem kürzesten Moment nach dem Urknall, als die Naturgesetze noch nicht in Kraft waren. Als das erste Leben geboren - oder wie im Haus der Namenvettern Planck - das Leben, genauer der Vater, starb.

Rund um das Totenbett von Planck-Vater (wie als Jedermann ein geradezu routiniert Sterbender: Peter Simonischek) siedelt Belbel Kurz-Szenen an aus dem Leben der mit vier Töchtern gesegneten Familie: Geschichten von Anna (Nicola Kirsch), die als Anwältin Karriere machen will, von Laura (Regina Fritsch), der Büroangestellten, von Rosa (Sylvie Rohrer), der erfolglosen Schauspielerin.

Beobachtet, geträumt oder imaginiert wird der Reigen vom Nesthäkchen Maria (Maria Happel), das mit wissenschaftlichem Knowhow die Naturgesetze zum Schweigen bringt und die Handlung immer wieder ins Surreale überhöht.

Der Tod hat keinen Stachel in dem hübschen Spielwerk vom Sterben - aber das stört, wie schon Astrid Lindgrens Karlsson vom Dach sagt, keinen großen Geist, denn es gilt schließlich anderes zu bestaunen an diesem Abend. Eine Komposition, aus der - und hier liegt vielleicht Philip Tiedemanns eigentlicher und größter Verdienst - Kirsten Dene als Planck-Mutter und Maria Happel, sichtlich liebevoll geführt, leuchten wie lange nicht.

Der Rest ist, wie versprochen, der Sinnsucherin entsagungsvolles Schweigen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 7.4.2003)

Von
Cornelia Niedermeier
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Tod, wo ist dein Stachel? Jedenfalls nicht hier, im bildschönen Puppenspiel vom Sterben, als das Philip Tiedemann "Die Zeit der Plancks" am Burgtheater inszenierte. Im Bild: Kirsten Dene als Mutter Sara, Maria Happel als Tochter Maria und Peter Simonischek als sterbender Vater Planck.

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