Wer weiß, ob wahr ist

4. April 2003, 20:59
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Die pluralistische Medienlandschaft verlangt dem Konsumenten einiges an Überblick ab - ein Kommentar von Josef Kirchengast

Dass die Wahrheit das erste Opfer sei, war eine viel strapazierte Prognose zu Beginn des Irakkriegs. Sie hat sich allem Anschein nach nicht erfüllt. Selbst wenn die Schlagzeile eines österreichischen Massenblattes zutrifft, jetzt werde "gelogen wie noch nie" - der von den Propagandisten aller Seiten gewünschte Vernebelungseffekt scheint nicht eingetreten.

Das liegt zunächst daran, dass die Skepsis gegenüber der Aussagekraft der Fernsehbilder von vornherein hoch war. Viele haben noch die Mär vom angeblich klinisch sauberen Hightech-Krieg bei der Rückeroberung Kuwaits 1991 in Erinnerung, die dann mit den Bildern Tausender auf der Flucht getöteter irakischer Soldaten zerstört wurde. Dazu kommt ein Abstumpfungsprozess gegenüber der Bilderflut. Die Einschaltquoten sanken denn auch schon wenige Tage nach Kriegsbeginn deutlich. Vor allem aber hatten die Amerikaner diesmal den Kampf um die öffentliche Meinung außerhalb der USA schon lange vor Kriegsbeginn verloren. Die generelle Erwartung an die mediale Vermittlung und Darstellung dieses Krieges lässt sich wohl am besten mit einem ungarischen Sprichwort beschreiben: "Wer weiß, ob wahr ist, und wenn wahr ist, ob wirklich wahr ist."

Den Informationsstrategen der westlichen Kriegsalliierten war ihre schwierige Ausgangsposition wohl klar. Das Konzept der "eingebetteten", also sich mit der Truppe bewegenden Reporter sollte offenbar zweierlei bewirken: signalisieren, dass man authentische Information vom Ort des Geschehens zulasse, und gleichzeitig gute Stimmung für die eigene Seite erzeugen. Dieses Konzept ist nicht aufgegangen, zumindest nicht im gewünschten Maß. Hautnahe Berichterstattung aus der Sicht welcher Seite auch immer macht den Krieg nicht menschlicher. Im Gegenteil: Sie liefert allen Skeptikern und Misstrauischen drastisches Anschauungsmaterial für ihre Vorbehalte. Hinzu kommen peinliche Pannen - wenn man sie so nennen kann. Nach seinem ersten Kriegsrat mit George W. Bush warf der britische Premier Tony Blair vor laufenden Kameras den Irakern vor, gefangene britische Soldaten hingerichtet zu haben. Wenige Stunden später war Blair öffentlich bloßgestellt. Die Mutter eines der Getöteten sagte einer britischen Zeitung auf Anfrage, die Armee habe ihr mitgeteilt, dass ihr Sohn im Kampf gefallen sei.

Das ist nur ein Beispiel für funktionierende Hygiene in einer pluralistischen Medienlandschaft. Sie verlangt dem Konsumenten einiges an Überblick ab, wenn er sich die Basis für eine annähernd objektive Lagebeurteilung erarbeiten will - und steht in klarem Kontrast zur totalitären Medienstrategie des irakischen Regimes. Dieses hat dem Fernsehsender Al-Jazeera, dem arabischen Pendant zum amerikanischen CNN, soeben einen Maulkorb verpasst. Fürs Erste gesehen ein unverhoffter Etappensieg der Alliierten an der Meinungsfront. Längerfristig könnte er ins Gegenteil umschlagen. Denn der Bannfluch eines Diktators wird der Glaubwürdigkeit des Senders nicht schaden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5./6.4.2003)

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