"Bildungspolitische Kapitulation"

4. April 2003, 19:39
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Die ab Herbst geplanten Stundenkürzungen werden in den Schulen als chaotisch eingeführte Sparmaßnahme betrachtet

Wien - "Wer profitiert wirklich von den Stundenkürzungen? Sicher nicht die Schüler und deren Eltern", sagen die Lehrer an der Handelsakademie/ Handelsschule im ersten Bezirk mit der illustren Bezeichnung "Vienna Business School". Die Negativfolgen sind für den dortigen Lehrkörper klar: "Bewältigung des gleichen Stoffumfanges in kürzerer Zeit, Auslagerung der Übungsstunden ins Elternhaus, Steigerung des Leistungsdrucks." Das kann auch der steirische Hauptschullehrer Harald Stoppacher nur unterschreiben. "Gleicher Stoff bei weniger Schulstunden": Das ist es, was er sich von der Reform erwartet.

Gymnasialprofessorin Gerda Mayr aus Linz weist noch auf ein weiteres Problem hin: Die Kürzung der Wahlpflichtfächer an den AHS führe dazu, dass sprachlich begabte Schüler beim Erlernen einer dritten lebenden Fremdsprache behindert würden. Außerdem sei der Lehrplan, den die Bildungsministerin "entrümpeln" wolle, gerade erst drei Jahre alt. Mit der Stundenreduktion würden überdies die erst in den letzten Jahren erstellten autonomen "Schulprofile" zerstört.

Der Wiener AHS-Lehrer Wolfgang Rus kritisiert, dass erst vor kurzem von den Schulen eine Intensivierung der wirtschaftlichen Bildung verlangt worden sei. Nun werde ausgerechnet Geografie gekürzt. Ähnlich problematisch sei das bei Geschichte, das letztes Jahr um Politische Bildung erweitert worden sei.

Die OECD-Studie (die Österreichs Schülern eine extrem hohe Stundenbelastung attestiert) wird von den Lehrern in Zweifel gezogen. So rechnet der Wiener AHS-Mathematikprofessor Tomas Kubelik vor, dass die durchschnittliche Verweildauer in österreichischen Bildungseinrichtungen zu den kürzesten in der OECD zähle. Hierzulande böten bloß 42 Prozent der Schulen Kurse für Begabte an, während das im Pisa-Sieger Finnland 78 Prozent aller Schulen tun. Traurig sehe es auch bei der Förderung schwächerer Schüler aus. Die durchschnittliche Klassengröße liege um 0,3 Schüler über dem OECD-Schnitt. Kubeliks Fazit: Im Schulwesen sei "gewiss vieles veränderungsbedürftig, aber eine Kürzung ohne Konzept kommt einer bildungspolitischen Kapitulation nahe". (Martina Salomon, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5./6.4.2003)

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    Pädagogen glauben, dass die Reform den Schülern auf den Kopf fallen wird

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