Keine Mittäter bei Kampusch-Entführung

8. Jänner 2010, 18:39
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Bei der Präsentation am Freitag wurde die "Mehrtätertheorie" ausgeschlossen - Trotzdem droht dem Freund von Wolfgang Proklopil ein Verfahren

Die Mehrtätertheorie ist nach allem, was wir wissen, auszuschließen", setzte am Freitag der Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Werner Pleischl einen Schlusspunkt. Nach knapp 10.000 Arbeitsstunden des Ermittlungsteams kann er nun abschließend zum Entführungsfall Natascha Kampusch sagen: "Wir wissen nicht alles, aber wir wissen sehr, sehr viel."

Nach nicht enden wollenden Spekulationen war Ernst H. der damalige Freund des Entführers Wolfgang Priklopil im Mittelpunkt der neuerlichen Erhebungen gestanden, die die Oberstaatsanwaltschaft an sich gezogen hatte. Für Ernst H. bedeutet das Ende der Mehrtätertheorie nun, dass das Verfahren wegen einer möglichen Beteiligung an der Entführung Kampuschs eingestellt wird.

Bei der Präsentation der Ermittlungsergebnisse im Justizpalast galt es für Thomas Mühlbacher, der die Erhebungen der Oberstaatsanwaltschaft geleitet hatte, gemeinsam mit Kurt Linzer vom Bundeskriminalamt gemeinsam zu antworten.

  • Die Zeugin der Entführung Ein damals 12-jähriges Mädchen hatte am 2. März 1998 die Entführung auf dem Rennbahnweg beobachtet. Nachdem Kampusch in den weißen Kastenwagen gezerrt worden war, hatte sie eine Person auf dem Beifahrersitz gesehen. Später begegnete ihr noch einmal ein weißer Kastenwagen - mit einem Fahrer und einem Beifahrer. Doch weder die Beschreibung dieses zweiten Fahrzeuges passt zu Priklopils Auto noch die Personenbeschreibungen zu Priklopil oder Ernst H.
  • Das Telefonat Natascha Kampusch hatte ausgesagt, Priklopil habe nach der Entführung angehalten und telefoniert: "Warum kommt ihr nicht?" Für Mühlbacher ist es plausibel, dass Priklopil eine Entführergruppe vorgetäuscht habe, um das Mädchen einzuschüchtern.
  • Das Verlies Zum Zeitpunkt der Entführung waren in der ehemaligen Sickergrube unter Priklopils Haus lediglich ein Klo, ein Wasseranschluss und eine Lüftungsanlage fertig. Laut den neuerlichen Untersuchungen sei nun gesichert, dass der Rest erst danach, auch gemeinsam mit Kampusch, eingebaut wurde. Es wurde nun auch die Holzvertäfelung abgenommen, dahinter wurde nach DNA-Spuren gesucht. Es fanden sich welche - allerdings ausschließlich von Priklopil und Kampusch.
  • Die Verletzung Der Zugang zum Verlies war mit einem Safe gesichert. Dieser war wenige Tage nach der Entführung abgerutscht und hat-te Priklopils Mittelfinger schwer verletzt. Konnte er danach den 150 Kilo schweren Safe allein bewegen? Laut Kampusch hatte Priklopil mit Hebelwirkung gearbeitet, und der Safe musste nicht gehoben, nur verschoben wer-den.
  • Geldtransfer Ernst H. hatte in zeitlicher Nähe zur Entführung Priklopil 500.000 Schilling (rund 36.300 Euro) übergeben. Ursprünglich sagte H., dies sei für einen Porsche gewesen. Bei den nun neuerlichen Einvernahmen gab H. zu, dass es sich um Schwarzgeld gehandelt habe, das Priklopil und er bei Wohnungssanierungen und -verkäufen eingenommen hatten.
  • Nach der Flucht Nach der Flucht von Natascha Kampusch am 23. August 2006 hatte die Polizei Ernst H. in dessen Veranstaltungshalle aufgesucht. Seine erste Frage hatte gelautet: "Hat er sie um'bracht?" Gleichzeitig hatte er beteuert, dass er von einer Entführung nichts wisse. Ernst H. gab nun bei den neuen Befragungen zu, dass Priklopil ihn am Fluchttag angerufen und er ihn später beim Donauzentrum getroffen habe. Dort habe er ihm erzählt, dass er ein Mädchen entführt und lange gefangen gehalten habe.

Genau das ist auch ein Punkt, dessentwegen Ernst H. nun doch noch vor Gericht kommen könnte. Mühlbacher: "Man muss ein paar Fragen stellen": wegen Finanzdelikten (Schwarzgeld), darüber, ob H. den Selbstmord Priklopils hätte verhindern können - und vor allem: "Hat er Priklopil beim letzten Treffen vor der Polizei versteckt?" Das wäre Begünstigung. Dazu der Anwalt von H., Manfred Ainedter: "Das sehen wir uns einmal an. Die Delikte sind meines Wissens verjährt." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 09./10.01.2010)

  • Natascha Kampusch hofft, dass "haarsträubende Gerüchte ein Ende finden".

    Natascha Kampusch hofft, dass "haarsträubende Gerüchte ein Ende finden".

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    Präsentation im Justizpalast: Ermittlungsleiter Thomas Mühlbacher, Kurt Linzer und Ernst Geiger (beide BKA), Werner Pleischl und Sprecherin Ilse-Maria Vrabl-Sanda.

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