Der Wille gegen die Macht der Gewohnheit

30. Dezember 2009, 19:34
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Der Neujahrsvorsatz befreit vom Laster - theoretisch

Viel Glück im neuen Jahr! Aber seien wir uns ehrlich: Der verheißungsvolle, gutgemeinte, gegenseitige Wunsch für 2010 ist nur Eingeständnis schierer Machtlosigkeit. Wer nicht weiß, was kommt, wünscht sich die Macht des Schicksals in Form von Glück herbei. Und um nicht vollkommen ungewappnet ins Ungewisse zu gehen, steht lediglich der schlichte Wunsch zur Veränderung, der gute Vorsatz, bereit. Er soll dem Schicksal etwas Eigenverantwortung abringen.

Eingehaltene Vorsätze würden im kommenden Jahr 22 Prozent der Österreicher schlanker, 16 Prozent zu Nichtrauchern und 12 Prozent zu Freizeitsportlern machen. Würden. Weil allzu viele sich den Vorsatz von seinem bösen Bruder, der Ausrede, verwässern lassen. Für die USA sind dafür Zahlen bekannt: Nur 12 Prozent erreichen dort laut Umfrage ihre Neujahrsziele.

Man sieht: Der Jahreswechsel, der Angelpunkt von Alt und Neu, wo Rück- und Vorausschauen die Schicksalsgebeutelten über die Tatsachen der Welt erheben, verleitet zum Größenwahn. Denn aus der abgehobenen Silvesterperspektive sieht es leicht aus, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, Angewohnheiten, die ja offenbar dem bewussten Ich unterliegen, kurzerhand zu verändern. Zurück in den Niederungen des Alltags und in der Hitze des Gefechts wird der Wille zur Besserung dann gern von der Macht der Gewohnheit überrollt. Und der im Jahr 46 v. Chr. mit dem Julianischen Kalender von März auf 1. Jänner willkürlich verlegte Jahreswechsel bleibt ein Tag wie jeder andere. Übrigens verbrachte man den Tag schon damals mit dem "Ausschlafen der Räusche", wie Cicero überliefert.

Doch die blanke Realität soll keineswegs von den guten Vorsätzen abhalten. Trotz allem: Vorsätze sind gut, auch wenn sie dem Bauch nicht die schweren Falten nehmen und die Lunge weiterhin geteert wird. Mehr als den Glauben, dass es mit einem noch bergauf gehen wird, dass man sich zum Besseren wandeln könnte, ist einem Jahreswechsel ohne weitere Motivationsgrundlage einfach nicht abzuringen. Besser immerhin als vorsätzlich an Unglück zu glauben.

"Ein neues Jahr ist wie ein neuer Bankkunde: Solange nichts Nachteiliges bekannt ist, sollte man ihm Kredit geben." Das Bonmot eines unbekannten Verfassers wurde offenbar vor der Finanzkrise erdacht. Beruhigend, wenn auch ohne große Auswirkungen mag auch die Information sein, dass sich immerhin neun Prozent der Österreicher für das Jahr 2010 vorgenommen haben, ihre Schulden abzubauen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Oder übers Jahr verteilt. (Alois Pumhösel, DER STANDARD Printausgabe, 31.12.09/01.01.10

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