Marktplatz der Sozialpolitik

28. Dezember 2009, 19:27
39 Postings

8. Österreichische Armutskonferenz im Februar 2010: Sozialexperten befürchten Überwälzen der Krisenkosten auf Arme und auf Sozialeinrichtungen

Salzburg - "Geld. Macht. Glücklich." Unter diesem Motto steht die 8. Österreichische Armutskonferenz, die am 23. und 24. Februar in Salzburg zusammentritt. Das seit 1995 bestehende Netzwerk aus Sozial- und Forschungseinrichtungen sowie kirchlichen und gewerkschaftlichen Organisationen kehrt mit Salzburg an den Ort seiner Gründung zurück.

Kernthema der Tagung, die gleichzeitig auch österreichische Auftaktveranstaltung des Europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut ist, soll die nach der Finanzkrise von vielen Sozialexperten erwartete soziale Krise werden. "In den sich abzeichnenden Verteilungskämpfen um die Bezahlung der Krisenkosten drohen diejenigen, die ohne Lobby sind, unter die Räder zu kommen", heißt es im Text der Einladung.

Laut Statistik Austria sind derzeit über eine Million Österreicher - das entspricht einem Anteil von über zwölf Prozent - arm oder armutsgefährdet. Die Schwelle für Alleinlebende liegt derzeit bei einem verfügbaren Einkommen von 951 Euro pro Monat, für jeden weiteren Erwachsenen im Haushalt erhöht sich diese um 475 Euro, für jedes Kind um 285 Euro.

Zur Tagung in Salzburg werden rund 400 Teilnehmer erwartet. Das als "Marktplatz" organisierte Treffen soll Vertreter von Sozialeinrichtungen sowie von Sozialverwaltung und Wissenschaft unter Einbeziehung von Betroffenen zusammenführen, erläutert der Sprecher der Armutskonferenz, Martin Schenk von der Diakonie Österreich.

Die sozialen Auswirkungen der Krise, wie steigende Arbeitslosigkeit und stärkere Belastung aller sozialen Netze, werden erst in den kommenden zwei Jahren spürbar werden, so Schenk im Standard- Gespräch. Der Sprecher der Armutskonferenz befürchtet, dass zur Finanzierung der nach der Finanzkrise erforderlichen Konsolidierung der öffentlichen Haushalte "zuerst bei den Ermessensausgaben", also bei Sozialprojekten und -initiativen, gekürzt werde.

Schenk fordert eine massive Umverteilung. Neben einer Börsenumsatzsteuer und der Streichung der Steuerprivilegien für Stiftungen will der Sozialexperte auch die Erbschafts- und Schenkungssteuer wieder eingeführt sehen.

Gerade die Erbschaftssteuer sei eine "sozial treffsichere Steuer". Immerhin verfüge das reichste Promille der Bevölkerung zusammen über genauso viel Vermögen wie die Hälfte aller Österreicher, die den unteren Bereich der Skala bilden.

Schuldnerberatung

Ein grundsätzliche Kritik an der österreichischen Armutspolitik formuliert der Wiener Journalist Lutz Holzinger: Dass die meisten Unterstützungsleistungen von vornherein unter der Armutsgrenze von 950 Euro liegen, zeige, dass wenig Interesse bestehe, die soziale Not "nachhaltig abzuschaffen", so der langjährige Fachjournalist einer Automobilzeitschrift.

Holzinger präsentiert im Rahmen der Tagung in Salzburg sein in der Edition Steinbauer verlegtes Buch "Das Gespenst der Armut".

Darin nähert sich der ehemalige Chefredakteur des KP-Organs Volksstimme dem Thema auf unorthodoxe Weise: Statt wissenschaftlicher Analyse will Holzinger "zeigen, was Armut heute ist" und "sinnlich klarmachen", was sie bedeutet. So war er beispielsweise als stiller Beobachter bei Beratungsgesprächen in der Schuldnerberatung ebenso dabei wie beim ersten Verteilungstag der Straßenzeitung Augustin. Holzingers Reportagen umfassen das gesamte Spektrum der Hilfsorganisationen: Von der Caritas über das Integrationshaus bis hin zur Volkshilfe. (Thomas Neuhold/DER STANDARD, Printausgabe, 29.12.2009)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Betteln ist nur eine Form, wie soziale Not sichtbar wird. Was Armut in Österreich heute ist, zeigt sich auch in Warteräumen der Sozialeinrichtungen oder vor den Regalen in Sozialmärkten.

Share if you care.