Fragwürdige "Erhebung"

28. Dezember 2009, 23:54
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Wie das Ministerium an der falschen Adresse nach belanglosen Antworten sucht - Von Erich Neuwirth

Zur Unterstützung der Arbeit der Expertenkommission für die Reform der Lehrerausbildung hat das Bildungsministerium vor kurzem eine Umfrage unter Lehramtsstudierenden in Auftrag gegeben, die nach der schulischen Notenskala leider bestenfalls mit "mangelhaft" zu beurteilen wäre.

Einer der Auslöser der aktuellen Bildungsdebatte ist ja bekanntlich das nur mittelmäßige Abschneiden Österreichs in internationalen Bildungsvergleichsstudien wie Pisa, Timms und Pirls, in denen den österreichischen Schülern bescheinigt wird, bei Sachfragen und beim Leseverständnis deutlich schlechtere Leistungen zu erbringen als die Schüler aus den Testsieger-Ländern Finnland, Hongkong, Japan oder Kanada.

Der Fragebogen behandelt aber Fragen der Vermittlung von fachspezifischem Wissen nur am Rande. Er erhebt fast ausschließlich Meinungen und Einstellungen von zukünftigen Lehrern. Was die Befürchtung nahelegt, dass die Auskünfte der Befragten vor allem von deren eigenen Schulerfahrungen geprägt sind und man auf diese Weise wohl kaum einen Überblick über die Möglichkeiten einer Verbesserung der aktuellen Schulrealität im Lichte einer wissenschaftlich fundierten internationalen Debatte gewinnen kann.

Zielführender wäre es wohl gewesen, junge Lehrerinnen und Lehrer zu befragen, die schon einige Jahre unterrichten und daher viel besser beurteilen können, ob sie in ihrer Ausbildung z.B. ausreichend Fähigkeiten zur Förderung von begabten Kindern und von solchen mit besonderem Förderbedarf vermittelt bekommen haben, als Lehramtskandidaten, die noch mitten in ihrer Ausbildung stecken Gleiehes gilt natülich auch für Fragen nach der Einschätzung der Qualität des Unterrichts, des Klassen- und Schulklimas und der Kooperation zwischen den Lehrenden. Bei den meisten einschlägigen Fragen wird übrigens erhoben, ob die Studierenden mit den vermittelten Inhalten und Fertigkeiten "zufrieden" sind - was eine ziemlich eigenartige Problemlösungsstrategie verrät, wenn man diese Zufriedenheit ohne klare Definition von Lernzielen der Ausbildung und ohne Berücksichtigung einschlägiger Praxiserfahrung als primären Qualitätsmaßstab heranzieht.

Auch rein methodisch ist dieser Fragebogen (zumindest in Teilen) ein Musterbeispiel dafür, wie man eine derartige Befragung nicht machen sollte.

Im ersten Teil ist etwa die Zustimmung zu Behauptungen auf einer "Noten" -Skala von 1 bis 5 zu bewerten - eine Vorgabe, die gerade im Kontext der Lehrerausbildung fragwürdig erscheint, weil der Begriff Note im Bildungswesen einschlägig besetzt ist und mit Zustimmung - hoffentlich - rein gar nichts zu tu hat.

Didaktik kein Thema?

Erhoben wird ferner, ob verschiedene Akteure nach Ansicht der Studierenden das Image der Lehrer und Lehrerinnen verbessert haben. Bemerkenswert an diesem Fragenblock: Es werden zwar Gewerkschaft sowie Bildungs- und Wissenschaftsministerium, nicht aber Elternvereine und Schülerorganisationen genannt.

Einer der gravierendsten Mängel der Studie ist jedoch, dass zwar verschiedene statistische Daten der Befragten eingefordert werden - ohne dabei auch nach den jeweiligen Lehramtsfächern zu fragen. Wenn man weiß, wie verschieden die Lernkulturen in einzelnen Schulfächern und Wissenschaftsdisziplinen sind, dann müsste das vielleicht sogar eine der Schlüsselvariablen in einer derartigen Untersuchung sein. Den Aspekt gänzlich auszublenden reduziert die mögliche Aussagekraft einer derartigen Studie jedenfalls erheblich.

Die vollkommene Vernachlässigung der spezifischen didaktischen Kriterien der einzelnen Fächer beschränkt sich aber nicht nur auf diese Befragung: Unter den Mitgliedern der Lehramtserneuerungskommission findet sich niemand, der die Fachdidaktik vertritt. Ein vernünftiges Vorgehen wäre es wohl gewesen, jeweils einen Vertreter oder eine Vertreterin der Natur- und der Kulturwissenschaften zu entsenden, damit insbesondere ein Eingehen auf die verschiedenen Lernkulturen möglich ist. Befremdlich erscheint in diesem Zusammenhang auch, dass die österreichischen Kompetenzzentren für Didaktik, die vor kurzem öffentlichkeitswirksam vom Ministerium eingerichtet wurden, in der aktuellen Diskussion kaum eine Rolle spielen.

Die Probleme unseres Bildungswesens und der Lehrerausbildung lassen sich sicher nicht lösen, wenn wir die Eigenheiten der Vermittlung einzelner Fächer einfach unter den Tisch fallen lassen. Die Schwachstellen, die die internationalen Vergleichsstudien aufzeigen, sind jeweils ganz bestimmten Fachthemen zuzuordnen. Also sollte man das wohl auch bei einschlägigen Umfragen und bei der Zusammensetzung von Reformkommissionen berücksichtigen. (Erich Neuwirth/DER STANDARD, Printausgabe, 29.12.2009)

Zur Person
Erich Neuwirth lehrt Informatik und Statistik an der Universität Wien.

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