Ein Grandcharmeur mit jugendlichem Esprit

28. Dezember 2009, 17:14
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Zum zweiten Mal dirigiert Georges Prêtre 2010 das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Musikverein - Im Interview

Wien - Er sei, sagt Georges Prêtre gerne, zwar Franzose, aber vor allem Europäer; zwar Katholik, aber vor allem auf eine umfassendere Art gläubig. Es wäre wohl durchaus in seinem Sinne, würde man dem hinzufügen, Prêtre sei zwar Dirigent, aber vor allem Musiker. Oder, wie er selbst es ausdrückt: Interpret. Dazu weiß der 85-Jährige, dabei unverminderte Frische versprühende, Maestro eine bezeichnende Anekdote vom Beginn seiner Laufbahn zum Besten zu geben: Bei der Aufnahmsprüfung am Konservatorium sei er abgelehnt worden, weil er - ganz gegen seine Natur - stur den Takt geschlagen habe, um seine technischen Fähigkeiten zu demonstrieren.

Kurz darauf, als er den Dirigenten André Cluytens um Rat gefragt habe, habe er dann seinem Naturell freien Lauf gelassen und ein Stück von Debussy ganz so vordirigiert und -gesungen, wie er es empfand. Er verblüffte dabei den Älteren durch die Schlüssigkeit, aber vor allem die Freiheit seiner Phrasierung - und wurde von ihm ermutigt, sich doch für die Dirigentenlaufbahn zu entscheiden.

Der Unterschied zwischen dem sturen Taktieren und der ungehinderten Entfaltung der Musik ist es denn auch, was Georges Prêtre hervorhebt, wenn es darum geht, wie er seinen Beruf versteht: "Ich bin Interpret: Ich muss ein Werk interpretieren und nicht nur den Takt schlagen. Ein Interpret kann das Orchester ganz allein spielen lassen oder zumindest die Illusion hervorrufen, dass es von selbst spielt. Wenn ein Dirigent, der nur den Takt vorgibt, aufhört, hört auch das Orchester auf zu spielen. Ein Interpret ist aber ein zusätzliches Talent."

Geheimnis Kommunikation

Welche Rolle spielt dabei die oft hervorgehobene Autorität, die ein Orchesterleiter benötigt? Für Prêtre keine allzu große: "Wenn man wirklich in Kontakt mit dem Orchester ist, dann spricht man dieselbe Sprache, hat dasselbe Verständnis von Musik. Da ist überhaupt kein Platz für autoritäres Verhalten. Ich gebe dem Orchester eine Botschaft, und es gibt mir die Botschaft zurück, indem es sie interpretiert."

Auch wenn es während seiner Auftritte den Anschein hat, dass bei der Kommunikation zwischen ihm und den Orchestermusikern beinahe so etwas wie Magie im Spiel ist, will der Musiker diesen Faktor im Standard-Interview relativieren: "Magie wäre zu viel gesagt, aber ein wenig davon ist schon dabei. Der Kontakt zwischen dem Leiter und den Künstlern des Orchesters ist ein bisschen geheimnisvoll, das stimmt schon. Aber wir sprechen dieselbe Sprache - kein Problem!"

Absolut kein Problem ist für Prêtre auch der Zugang zum wienerischen Idiom, der beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker gefragt wird. Dass er die Walzer und Polkas rund um die Familie Strauß bis in ihre kleinsten Regungen mit Esprit erfüllt, hat der Maestro bereits 2008 demonstriert. Kein Wunder, dass das Orchester, wie Vorstand Clemens Hellsberg sagt, schlicht "von seinem Charme überwältigt war" und beschloss, ihn für 2010 erneut einzuladen.

Dass vor zwei Jahren zum ersten Mal ein Franzose bei der österreichischsten aller musikalischen Visitenkarten am Pult stand, wurde damals zwar eigens betont, für Prêtre ist dieser Umstand allerdings überhaupt kein Thema: "Ich habe ja seit mehr als 40 Jahren fast alles in Wien dirigiert. Das Neujahrskonzert zu leiten ist aber schon ein einzigartiges Gefühl. Es ist kein normales Konzert, sondern es geht zwei Stunden lang eine Botschaft der Liebe in die ganze Welt: im einmaligen Ambiente des Musikvereins, mit den Wiener Philharmonikern und mit einer angeblich leichten Musik, die aber überhaupt nicht leicht ist!"

Ein phänomenales Orchester

Überhaupt möchte der Maestro, der selbst Operetten komponierte und in der Jugend auch als Jazz-Musiker tätig war, seinen Musikbegriff möglichst weit fassen: "Für mich ist alles Musik, natürlich mit verschiedenem Charakter, aber es gibt keine kleine Musik." Wenn es in diesem Zusammenhang darum geht, für etwas einzutreten, das ihm am Herzen liegt, kennt Prêtre daher kein Pardon. Die Geringschätzung von Francis Poulenc, der man im deutschen Sprachraum manchmal begegnet, sei etwa "ein großer Irrtum. Das Äußere scheint leicht zu sein, aber das Innere ist es nicht. Das ist ein ganz großer Komponist." Mit einem anderen Großen, Olivier Messiaen, bei dem er studierte, teilt Prêtre indessen die Liebe zur Natur und zu Vogelstimmen: "Für mich sind die Vögel die ersten Gesangskünstler. Wenn man wie ich auf dem Land lebt, hört man sie schon in der Früh, und zu jeder Tagesstunde singen sie anders, hört man andere Musiker. Ein phänomenales Orchester!"

Stimmungen wie diese, die der Musiker beim Interview singend und gestenreich heraufbeschwört, sind auch für sein Musizieren von größter Bedeutung. Der mit einem fotografischen Gedächtnis gesegnete Künstler sieht nämlich beim Dirigieren Bilder und Farben: "Ich sehe die Atmosphäre der Musik, wie ein Tableau vivant. Das ist sehr wichtig für mich."

Und was sieht er bei der Musik der Familie Strauß? "Jeder Walzer und jede Polka hat eine ganz andere Atmosphäre, es sind andere Personen, die da tanzen und sprechen - niemals dieselben, das ist natürlich sehr schwer. Ich sehe diese Personen vor mir, verstehen Sie? Ob sie alt sind oder jung, wie sie sich bewegen ... Das brauche ich." (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 29.12.2009)

Hinweis:
Vor der Übertragung des Neujahrskonzerts (11.15) zeigt ORF 2 am 1. 1. (10.25) das Porträt "Georges Prêtre - Dirigent und Grandseigneur" . Im Styria-Verlag ist die Biografie "Georges Prêtre - Maestro con brio" von Michaela Schlögl und Wilhelm Sinkovicz erschienen (304 S. / € 24,95). Die CD des Neujahrskonzerts erscheint am 7., die DVD am 14. 1. bei Decca.

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    Dirigent Georges Prêtre: "Jeder Walzer und jede Polka hat eine ganz andere Atmosphäre, es sind andere Personen, die da tanzen und sprechen. Ich sehe diese Personen vor mir, verstehen Sie?"

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