In der Strafkolonie

28. Dezember 2009, 14:28
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Über die Verschärfung der iranischen Filmpolitik

Im Jahr 2007 kam es zu einem kleinen Zerwürfnis innerhalb der iranischen Politik. Ausgelöst wurde es von Oliver Stone, der sich mit den Gedanken trug, ein Biopic über Präsident Ahmadinejad zu drehen. Er bekam darauf zweierlei Antwort. Mehdi Kalhor, einer der Berater von Ahmadinedjad, wies den Gedanken strikt zurück und bezeichnete Stone in klassischer islamistischer Rhetorik als Vertreter des "Großen Satans". Freundlicher fiel hingegen die Antwort von Alireza Sadschadpur aus, damals Sekretär der islamischen Künstlervereinigung, der sich von dem Gedanken an Stones Film (Arbeitstitel: Ahmadinedschads Abenteuer) nicht sofort distanzieren mochte, sondern eine Einladung aussprach. Oliver Stone sollte persönlich in den Iran reisen, um alle konkreten Verhandlungen zu führen.

Aus dem Projekt wurde schließlich nichts, als Ersatz kann man den tollen Dokumentarfilm "Letters to the President" von Petr Lom nehmen. Hier ein Ausschnitt:

Nun aber sind Mehdi Kalhor und Alireza Sadschadpur wieder in einen filmpolitischen Streitfall verwickelt. Es geht um eine Verschärfung der Bestimmungen für "unabhängige", also ohne Rücksprache mit den zuständigen Behörden produzierte Filme. Sadschadpur, mittlerweile in der Abteilung für Sicherkeitsüberprüfungen im iranischen Kulturministerium tätig, ließ vergangene Woche verlauten, dass nun größere Strenge walten werde. "Wir werden gegen Künstler vorgehen, die an der Produktion von nicht zugelassenen Filmen mitarbeiten", sagte Sadschadpur. "Diese Abteilung wird sie bestrafen." (Hier der Originalartikel aus der Tehran Times vom 20.12.)

Nicht wenige der bedeutendsten iranischen Filme der letzten Jahre wurden "unabhängig", also de facto im Untergrund produziert und können trotz oder gerade wegen internationaler Erfolge im Ursprungsland auch nur in illegalen Kopien zirkulieren. Jafar Panahi ist der bekannteste Fall, er hat zuletzt 2006 mit "Offside" den Ausschluss von Frauen von den Fußballspielen der iranischen Nationalmannschaft thematisiert.

Aktuell bezog sich Sadschadpur auf "The White Meadows" von Mohammad Rasoulof, der in diesem Jahr in San Sebastian gezeigt und ausgezeichnet wurde (der Regisseur trug dabei unübersehbar einen grünen Schal) und auch mit seiner stark allegorisierten Geschichte eines herumfahrenden Mannes, der Tränen und die Sorgen der Menschen "sammelt", den Unmut der iranischen Behörden auf sich zog.


Interessanter noch ist der Fall von Narges Kalhor, die im Oktober in Deutschland um Asyl ersuchte, nachdem ihr Kurzfilm "Darkhish" ("Die Egge", basierend auf Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie") bei einem Filmfestival zum Thema Menschenrechte in Nürnberg gezeigt worden war. Narges Kalhor ist die Tochter von Mehdi Kalhor, der nach wie vor als Berater von Ahmadinedjad arbeitet. Ihr Fall wird damit im doppelten Sinn zu einem Politikum. Nähere Aufschlüsse über die Motive und die Konfliktkonstellation gibt dieses Interview, das die international erfolgreiche Filmemacherin Hana Makhmalbaf mit Narges Kalhor gedreht hat.

An Narges Kalhor wird besonders deutlich, dass der politische Konflikt im Iran auch einer der Generationen ist und als solcher bis in die unmittelbare Umgebung der Machthaber reicht. Die Filmpolitik, in der sich Phasen größerer Nachsichtigkeit mit Phasen rigider Kontrolle abwechseln, wird nun zu einem der Orte, an denen Zensur und Repression nun wieder stärker greifen. (Bert Rebhandl, 28.12.2009)

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www.cargo-film.de

  • Still aus dem Film DIE EGGE (2009) von Nargesy Kalhor.

Meldung vom 20. Dezember 2009Iran geht gegen Independent-Filmer vor"Wir werden gegen Künstler vorgehen, die an der Produktion von nicht zugelassenen Filmen mitarbeiten"
    foto: filmfestival der menschenrechte nürnberg

    Still aus dem Film DIE EGGE (2009) von Nargesy Kalhor.


    Meldung vom 20. Dezember 2009
    Iran geht gegen Independent-Filmer vor
    "Wir werden gegen Künstler vorgehen, die an der Produktion von nicht zugelassenen Filmen mitarbeiten"

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