Gestrandet auf Bahnsteig am Meidlinger Ende der Welt

23. Dezember 2009, 19:19
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Ersatz-Südbahnhof: Das Auto fuhr zwar Reisezug, aber für seine Entladung war dann niemand zuständig

Wien - "So", meint Sandra G., "muss man sich als vergessener Sesselliftfahrer fühlen: Es ist kalt, es ist dunkel, es schneit - und weit und breit ist kein Schwein zu sehen." Und dass in ihrem Fall der Weg zu Wärme, Sicherheit und Licht statt senkrecht nach unten über etliche dunkle Schienenstränge, auf denen Züge fahren, geführte hätte, war für die Wiener Psychologin auch kein Trost.

G. war am 21. Dezember, einer der kältesten Nächte des Jahres, am Wiener Matzleindsorfer Platz gestrandet. An jener ÖBB-Verladerampe, an der sie auf ihr Auto wartete. Das war zwar im gleichen Zug mit ihr und ihrem Mann von Lienz nach Wien gereist. Aber dafür, es hier, am provisorischen Autoverladeterminal des Ersatz-Südbahnhofes, auch anzuliefern, fühlte sich bei der ÖBB dann schlicht und einfach niemand zuständig.

Dass an der Auto-Rampe "am letzten Gleis, weit hinter dem letzten Bahnsteig, im Nirgendwo" alles für Auto-im-Reisezug-Abholer organisiert ist, empfanden Frau G. und ihr Mann bei minus zehn Grad nach einer halben Stunde geradezu als Hohn: "Es gibt einen Warte-Container. Der schaut gemütlich aus - wenn man von außen durchs Fenster schaut. Es gibt sogar eine Behindertentoilette." Bloß: Container und Klo waren zugesperrt.

Skandalös, erzählt Frau G., fanden das auch jene Zugbegleiter, die auf dem Heimweg an dem frierend wartenden Paar vorbeikamen: Zweimal riefen sie die Fahrdienstleitung an - und gingen erst, als ihnen zugesichert worden war, dass der Autowagon umgehend käme.

Die Lok verschwand

Zehn Minuten später, protokollierte Frau G., wurde "ihr" Wagon (ihr Wagen war der einzige am Autoreisezug gewesen) gebracht und abgestellt. Die Lok verschwand in der Nacht. Das Auto stand - mit Eisenstangen gesichert - am Wagon.

Ein paar Gleise weiter stand ein Güterzug zur Abfahrt bereit. Dessen Lokführer funkte die Fahrdienstleitung an. "Mehr", sagt Frau G., "konnte er ja nicht tun." Man würde, erfuhr er, sich gleich um das Paar und sein Auto kümmern.

Eine Viertelstunde ("gefühlte Stunden") später kamen tatsächlich zwei Arbeiter. Sie hätten gerade erst erfahren, dass es hier etwas zu tun gebe, erklärten sie. Dann entfernten sie die Sicherung vom Fahrzeug. "Die Kette vor der Rampe mussten wir selbst entfernen. Es war ihnen egal, wie wir da hinunterfuhren", schildert Frau G. - und war tags darauf nicht nur verkühlt, sondern auch verärgert, dass die "ÖBB Fahrgäste wie Störenfriede behandelt, die nur nerven".

Dem sei keineswegs so, versichert ÖBB-Sprecherin Karin Gruber auf Anfrage des Standard ziemlich zerknirscht: Aufgrund des Fahrplanwechsels und der "neuen Haltesituation" (gemeint ist die Schließung des Südbahnhofes vor zwei Wochen), sei es "zu einem Fehler bei den internen Abläufen gekommen". Die ÖBB, erklärt Gruber, "bedauern ... (dies) zutiefst", insbesondere "bei diesem Winterwetter". Als Entschuldigung wird Frau G. einen Gutschein erhalten. Für eine Fahrt mit dem Autoreisezug. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe, 24./25./26./27.12.2009)

 

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