Gurke mit Sternchen

22. Dezember 2009, 16:50
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Die hässlichste Weihnachtskarte kam aus dem Belvedere

Im Advent hört man es immer: "Wir müssen uns unbedingt noch vor Weihnachten sehen!" Als gäbe es nach Weihnachten kein Morgen, als sei Silvester nicht nur das Ende des Jahres, sondern auch der Welt. Man weiß natürlich, dass dem nicht so ist: Eifrig verschickt man im Advent Weihnachtsgrüße - und wünscht das Beste fürs kommende Jahr.

Weihnachtsgrüße per Mail konnten sich bisher nicht wirklich durchsetzen. Wirtschaftskrise hin oder her - wer etwas auf sich hält, verschickt eigens gestaltete Weihnachtskarten. In Zeiten des Internets haben die Postboten also wenigstens im Advent eine echte Daseinsberechtigung: Säckeweise schleppen sie die bunten Karten an.

Kaum einer geht so pragmatisch vor wie der Architekt Hans Hollein: Seine Karte ist seit Jahren gleich, es ändert sich nur die Farbe und Beschaffenheit des Papiers. Die meisten aber versuchen sich kreativ zu überbieten. Der Steirische Herbst fordert: "2010 virtuos meistern!" Die Theaterservice GmbH Art for Art hat sich "Merry X-Mas" auf den Oberarm tätowieren lassen. Erwin Wurm verschickt eine von Sternchen flankierte Essiggurke (die als Logo zu seiner Ausstellung im Lenbachhaus fungiert). Und das Buero 16 packt Glitterzeug in Zellophan.

Die Deutsche Botschaft hat als Motiv einen beleuchteten Christbaum vor dem Brandenburger Tor gewählt, der polnische Botschafter wünscht ein frohes Weihnachtsfest mit naiver Kunst. Das hässlichste Druckwerk aber kam aus dem Belvedere: ein fetter güldener Barockrahmen, in dem ein aufklappbares Billett mit dem Konterfei des Prinzen Eugen klebt.

Mit all dem Geld, das dafür ausgegeben wurde, hätte man viele Kinder in der Dritten Welt großziehen können. Das wäre Weihnachten gewesen. (Thomas Trenkler, derStandard.at, 22.12.2009)

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    karte: belvedere
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