Rundschau: Für Odin, Jahwe und Ganesha

    23. Jänner 2010, 13:02
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    Weltuntergänge und Neubeginne von unter anderem John Scalzi, Elizabeth Bear, Robert Sheckley und Dmitry Glukhovsky

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    coverfoto: tor books

    Elizabeth Bear: "All the Windwracked Stars"

    Broschiert, 368 Seiten, Tor Books 2009.

    Wenn das nicht das pulpigste Cover des Jahres ist - ein T-r-a-u-m! Und es passt sogar zum Inhalt, denn wir bleiben beim Thema Götter mit Untergangsfaible. Nur die Herangehensweise unterscheidet sich beträchtlich: Während sich Jahwe der Methoden der modernen Apokalypsenführung bedient und von seinem sicheren Platz außerhalb der Schöpfung intelligente Waffen ins Ziel lenkt, stehen die altmodischen Asen bei Ragnarök selbst im Gefecht. Beziehungsweise standen und fielen: Im bildgewaltigen Eröffnungskapitel von Elizabeth Bears Endzeit-Roman taumelt die Walküre Muire (Bear schreibt nicht valkyrie, sondern verwendet das altenglische Wort waelcyrge) durch die von Schnee bedeckten Leichenberge ihrer toten Brüder und Schwestern. Ein Weltuntergang hat stattgefunden, doch er ist noch nicht vollständig und er hat noch nicht alle parallel nebeneinander existierenden Kontinua erfasst. Die eigentliche Handlung setzt über 2.000 Jahre später ein: Muire, ihre Mitstreiter und Gegenspieler - die Grenzen zwischen beiden werden zunehmend verschwimmen - sehen das Zeitalter der letzten aufgeschobenen Frist: Until world's end. Any day now.

    John Scalzi hat die dauerproduktive Bear als den "Duracell-Hasen der Science Fiction" bezeichnet: Die Amerikanerin schreibt parallel an diversen Zyklen (und trotz des hohen Outputs mit bemerkenswerter Qualität); gerne lebt sie dabei ihr Faible für historische und mythologische Stoffe in opulenten Settings aus. In "All the Windwracked Stars" als Start ihrer "Edda of Burdens"-Reihe verquickt sie germanische Mythologie mit Science Fiction und Fantasy. Muire zieht mit Schwert und Laptop gleichermaßen durch die Lande. Sie hat als Weltraumpauschaltouristin auf der Oberfläche des Mondes gestanden - während in der Welt nebenan, ganz wie es in der Edda steht, der Wolf die Sonne verschlungen hat. Die er nun in seinem Bauch trägt, selbst wenn er als Serienmörder in Menschengestalt durch die Slums der letzten existierenden Stadt wandert. Stoffliche Welt und Metaphysik, Moderne und Mythologie fließen hier ebenso ineinander wie Vergangenheit und Zukunft, Gedanken und Außenwelt. Und natürlich wie die Subgenres der Phantastik - wer eine Schublade braucht, könnte Bears "Edda" durchaus unter New Weird einreihen.

    Es ist sehr die Frage, ob in nordischer Mythologie Bewanderte hier im Vorteil sind, denn Bear versieht nicht einfach alte Sagen mit hochtechnologischen Versatzstücken, sie adaptiert sie auch in sehr freier Weise. Die Einherjer etwa, die in der Schlacht getöteten Krieger, die der Edda nach von den Walküren aufgesammelt und nach Walhall gebracht werden, leben in der "Edda of Burdens" in einer von Bear eigenkreierten Welt, Valdyrgard. Hier haben sie sogar eine moderne Zivilisation aufgebaut, bis diese in biologischen und nanotechnologischen Kriegen ebenfalls unterging und nun in ihren letzten Zuckungen liegt. Ist damit nun unsere heutige, nicht mehr von Göttern regierte Welt gemeint? Nicht unbedingt, die Welt der Menschen müsste eigentlich Midgard sein, und das erwähnt der Roman als schon seit dem letzten Ragnarök tote Eiswüste. Noch rätselhafter wird es aber bei den Hauptfiguren: Der Seelen- und Sonnenfresser Grey Wolf scheint der Fenriswolf der Sage zu sein - doch für Muire ist er ein verräterischer Bruder. Und die riesige Schlange, die sich durch den toten Ozean von Valdyrgard windet, klingt nur auf den ersten Blick nach der Midgardschlange: Hier sehen die Allianzen offenbar anders aus, denn Muire sieht in ihr den Bearer of Burdens und die letzte Hoffnung auf Rettung - wo doch die Midgardschlange der Todfeind der Asen (und damit auch der von "Odins Töchtern") sein müsste. Und weil all diese Widersprüchlichkeiten nicht etwa Fehler, sondern Teil des großen Rätsels sind, das Bear hier entwirft, gewinnt der Roman laufend an Faszination.

    Nabel des Geschehens ist Eiledon, die letzte Stadt. Magie und Hochtechnologie verschmelzen hier - gar nicht so unähnlich Greg Bears (keine Verwandtschaft ...) "Stadt am Ende der Zeit". Menschen, Cyborgs, Mutanten und künstlich weiterentwickelte Tiere - trumans, halfmans, nearmans und unmans - leben in der vom weiblichen technomancer Thjierry regierten Stadt. Wenn Muire nicht durch die sterbende Welt wandert, hilft sie Thjerry dabei das unvermeidliche Ende weiter hinauszuzögern - auch nun, als der Wolf sein Unwesen treibt und Muire in immer mehr der StadtbewohnerInnen ihre wiedergeborenen Geschwister zu erkennen glaubt. Einer davon ist Cathoair, ein Wrestler und im Vergleich zu den anderen Hauptfiguren ein ausgesprochenes Leichtgewicht: aktiv wird er nur sexuell, am liebsten für Geld. Kein Vergleich mit den komplexen Motivationen der anderen Figuren, die die Grenzen zwischen "Gut" und "Böse" zunehmend verschwimmen lassen: Thjierry hält den letzten Posten der Zivilisation aufrecht - doch setzt sie dabei Mittel mit verheerenden Folgen ein. Und der Wolf will den so lange hinausgezögerten Abschluss der Apokalypse nicht zuletzt im Bewusstsein herbeiführen, dass erst danach etwas Neues entstehen kann - wer von beiden ist nun welcher Seite zuzuordnen?

    Ein Aspekt, in dem Bear das Wesen der nordischen Mythologie sehr genau trifft, ist der Fatalismus: Nicht nur die Zukunft der Welt ist festgeschrieben, auch die einzelnen Figuren folgen ihrem jeweiligen Schicksal. Muires ist davon geprägt, dass sie einst aus der Entscheidungsschlacht davonlief und sich wegen ihres "Versagens" für alle Zeiten in der Bringschuld sieht. Dennoch verlangt ihr valraven, ihr biomechanisches Streitross ("Ross" mit Einschränkungen, siehe Titelbild), von ihr zu leben. Und definiert sich selbst mit diesen Worten: "I am metal and meat. Sorcery and steel. I am War." Bedeutungsschwangere Sätze, bildhafte Sprache und die Verwendung altertümlicher Wörter und Wortstellungen - nicht per Gießkanne, sondern abgestimmt auf die Charaktere - machen "All the Windwracked Stars" zu einem auch sprachlich sehr schönen Roman und ergänzen die komplexe Handlung, die weniger durch Stringenz als durch ihre atmosphärische Wirkung besticht. - Das Buch ist gut als Einzelroman zu lesen, die "Edda of Burdens" aber geht weiter: Teil 2, der "By the Mountain Bound" heißt und sich der Vorgeschichte widmet, ist bereits erschienen. Mit einem noch kitschigeren Cover.

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