Rundschau: Für Odin, Jahwe und Ganesha

    23. Jänner 2010, 13:02
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    Weltuntergänge und Neubeginne von unter anderem John Scalzi, Elizabeth Bear, Robert Sheckley und Dmitry Glukhovsky

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    coverfoto: atlantis

    Oliver Henkel: "Im Jahre Ragnarök"

    Broschiert, 213 Seiten, € 13,30, Atlantis 2009.

    I absolutely no longer care what happened after the South won the Civil War, schrieb einmal US-Autor Richard Bowes, der selbst gerne mit parallelen Zeitlinien jongliert, in Anspielung auf den vielleicht zweitbeliebtesten Plot von Alternativweltgeschichten. Unangefochtene Nummer 1 bleibt freilich der Fortbestand des Dritten Reiches. Umso schöner, wenn ein Autor seine Handlung zwar in räumliche und zeitliche Nähe zum Dauerbrennerthema rückt, dann aber doch einen anderen Aspekt hervorkehrt. Wie der Lübecker Oliver Henkel, der sich über Romane wie "Die Zeitmaschine Karls des Großen" und "Kaisertag" immer weiter an die Gegenwart herangearbeitet hat und uns nun in ein Deutschland ein halbes Jahr nach dem - hier nicht erfolgten - Mauerbau führt. Auch in Henkels "Im Jahre Ragnarök" hat Deutschland den Krieg verloren und wurde in Besatzungszonen aufgeteilt ... nur nicht ganz so, wie wir es aus der Geschichte kennen. Ganz ohne Nazis (der aus der nordischen Mythologie entlehnte Titel deutet es ja bereits an) wird es allerdings auch hier nicht gehen.

    Für seine Prämisse hat Henkel einfach die Sowjetunion aus dem Spiel genommen: Nach Stalins vorzeitigem Tod ist das einstige Imperium in einander bekriegende Diadochenreiche zerfallen, die auf der Bühne der Weltpolitik keine Rolle mehr spielen. Und da auch in China immer noch der Bürgerkrieg tobt, stehen die USA als einzig verbliebener Global Player da. Ein - inspiriert wohl noch von der Gemütslage im Gefolge der Bush-Kriege - ziemlich verhasster übrigens. Selbst beim wichtigsten Verbündeten Großbritannien, das mit Müh und Not sein Empire zusammenzuhalten versucht und noch immer an Ressourcenknappheit wie in Kriegszeiten leidet. Schließlich gab es auch nie einen Marshall-Plan, der Europa wieder auf die Beine geholfen hätte. Statt dessen wurde für Deutschland ein modifizierter Morgenthau-Plan verwirklicht: Nach der Zerstörung sämtlicher industrieller Kapazitäten stellt das dreigeteilte Land - und insbesondere die große amerikanische Zone im Osten - eine einzige verelendete Brache dar. Freiwillig betritt den Bund Deutscher Länder niemand mehr; aber manchen bleibt halt keine Wahl.

    ... wie John Tubber vom britischen Joint Intelligence Service. Einige Missionen im zerbröckelnden Empire hat er bereits versemmelt, nicht zuletzt weil er zu voreiligen Schlüssen neigt: der richtige Mann, um ihn ans deutsche Ende der Welt zu schicken. Immerhin geht es nur darum, einen Fall von Kunstschmuggel aufzudecken, worauf die USA, die sich sämtliche deutschen Kunstwerke als "Reparationszahlung" gekrallt haben, stets ein Argusauge halten. Keine hohe Priorität für Johns Londoner Vorgesetzte - für ihn selbst aber die letzte Chance, an der er verzweifelt festhält. Als ortskundiger Führer wird ihm Günter Dünnbrot, ein Kommissar des verhassten Ordnungsdiensts, zur Seite gestellt. Die Chemie zwischen Tubber und seinem sich betont gleichgültig gebenden Partner wird in der Folge eine wichtige Rolle spielen; zusätzlich aufgefrischt, sobald sich als Venus ex machina Chantal Schmitt dazugesellt: eine belesene Edelprostituierte aus Luxemburg, die als wandelndes Mini-Wirtschaftswunder den Ersatz fürs ausgebliebene echte gibt. Mit Chantals Freundin Greta komplettiert sich das zusammengewürfelte Quartett, das in der Folge einige waghalsige Missionen unternimmt und in eine Verschwörung gerät, die ähnlich grell wie ein Exploitation Movie anmutet (aber es wird keine Hitlerköpfe in Gurkengläsern geben, soviel sei gesagt).

    "Im Jahre Ragnarök" ist ein spannender Abenteuerroman; ein Schwachpunkt liegt darin, dass zu oft der Zufall bemüht wird. Nicht solche, die durch die Zeitparadoxa, die sich rings um John häufen, erklärt werden, sondern banalere: Ein bis eben noch bedeutungsloser Statist wirft gerade noch rechtzeitig einen Blick auf zufällig aufgeschlagene Seiten, um schuldbewusst zu erbleichen und somit ungewollt einen wichtigen Hinweis zu liefern. Ein belauschter Gesprächsfetzen enthält just das entscheidende Stichwort, das unser Quartett auf der Spur bleiben lässt - und dergleichen mehr. Allerdings führt Henkel dies auch weiter und setzt den Zufall als augenzwinkerndes Stilmittel ein: Als Running Gag zieht sich das Sachbuch über Kriegskunst im antiken Kleinasien, das John einst zu niemandes Interesse geschrieben hat, durch den Roman. Der Großteil der Auflage vermodert bei ihm daheim im Keller, nur eine Handvoll Leute weltweit hat sich je ein Exemplar gekauft - die tauchen dafür aber an den unerwartetsten Stellen auf. Überhaupt sind zahlreiche, meist humorige, Anspielungen enthalten: Etwa auf alternative Geschichtsentwürfe aus Literatur (L. Sprague de Camp) oder Populärwissenschaft (Heribert Illig). Oder auch Auftritte von - in dieser Welt verhinderten - Berühmtheiten. Besonders nett etwa ein (dünner!) Gert Fröbe, zwei Jahre vor "Goldfinger", den er hier wohl nie verkörpern wird, der sich dafür aber im Ed Wood-Meisterwerk "Nazi-Zombies aus dem Weltall" ausleben darf.

    Letztlich ist es aber vor allem die alternative geopolitische Prämisse, die den Reiz des Romans ausmacht und die noch Stoff für weitere Bände bieten könnte. Dann vielleicht ohne Nazis.

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