Klangentfesselung mit Hang zur Statik

20. Dezember 2009, 18:40
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Verlässlich, doch mit ausbaufähiger Inspiration: Die Symphoniker und Philippe Jordan

Wien - Er gilt unter den Dirigenten seiner Generation als der Senkrechtstarter schlechthin. Allerdings darf der rasche Karriereverlauf von Philippe Jordan nicht darüber hinwegtäuschen, dass da jemand sein Handwerk gründlich gelernt und seine Souveränität im mitunter steinigen Opernalltag hart erarbeitet hat.

Nun, mit 35 Jahren, ist er endgültig an der Spitze angelangt: Seit der laufenden Saison amtiert der gebürtige Schweizer als Musikdirektor an der Opéra national de Paris sowie gleichzeitig als Erster Gastdirigent an der Berliner Staatsoper. Dass er auch bei den großen internationalen Orchestern ein gerngesehener Gast ist, mag sich unter anderem aus der Verlässlichkeit ergeben, mit der er probt und konzertiert. Und so präsentierte sich Jordan mit den Wiener Symphonikern im Musikverein bei einem von der Jeunesse mitverantworteten Konzert als jemand, der stets das Heft in der Hand behält.

Transparenz und Präzision

Unüberhörbar durchgestaltet klang das 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms. Besonders im ausladenden ersten Satz überreichte das Orchester mit Transparenz und präzisen Akzentuierungen eine gute Visitenkarte. Es sorgte dabei allerdings auch für ein Niveau an Differenzierung, die der Solist so nicht bieten sollte. Stattdessen setzte Christian Zacharias mit seinem wenig flexiblen, harten Anschlag und grober Phrasierung auf gehämmerte Motorik und Drive.

Diese Statik schien auf das Orchester weiterzuwirken, denn sowohl beim kultiviert musizierten Adagio und dem flott absolvierten Rondo wurde die Sache ein wenig zu zahn- und ziellos.

Ähnlich zwiespältig war auch der Eindruck bei Strawinskys Sacre du Printemps: Zwar lief das Uhrwerk noch an den vertracktesten Stellen recht präzise, boten die Symphoniker all ihre Wucht und Schärfe. Trotz dieser beeindruckenden Klangentfesselung hätten allerdings ein deutlicheres Feintuning und stellenweise inspiriertere Solisten nicht geschadet. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 21. 12. 2009)

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