Ich wünsche mir ...

18. Dezember 2009, 16:32
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Wünsche entwickeln, sobald wir sie für erfüllbar halten, eine spezielle Dynamik - Über das Hoffen, Warten und die Monster des Begehrens

Es war ein schwerer grün-samtiger Vorhang, der uns vom Glück trennte. Ins sogenannte Bauernzimmer war das Wesen im weißen Hemdchen eingeflogen und hatte Dinge aufgebaut, etliche Tage vorher schon, und man durfte nun um nichts in der Welt hinter diesen Vorhang schauen, der das Bauernzimmer vom Wohnzimmer trennte. Es wäre so einfach gewesen, ihn zu lüften oder durch einen Spalt zu spähen. Aber zu wissen, vor der Zeit zu wissen, hätte alles zerstört. Weihnachten ist die Kunst des süßen Triebaufschubs; die Kunst der Herstellung, der Erfüllung von Begehren. Das Medium Wunschzettel ist dabei nicht ganz unwichtig: Es gibt dem ungenauen Verlangen eine bestimmte Form und dem Begehren allererst einen Ausdruck.

Der Philosoph Martin Seel glaubt, dass zum Glück gehört, überrascht zu werden - und in dem Sinne mehr zu bekommen, als man sich selber hat vorstellen können. Doch die Logik des Wunschzettels ist eine andere. Sie versetzt in einen eigenartigen Zustand, dem des Glücksspiels vergleichbar, denn Wünsche entwickeln, sobald wir sie einmal für erfüllbar halten, eine sehr spezielle Dynamik. Wir sind angespannt, aufgeregt, das Herz schlägt höher, der Atem wird schneller, und ob auch Zittern und Schwitzen dabei ist, hängt von der Intensität des Wunsches ab. Die Spannung liegt nicht in der Frage, was man kriegt, sondern darin, ob man das kriegt, was man will. Wünschen ist ein erregter Zustand des Wartens, und so wie Halloween mit Skeletten, Hexen und Kürbismasken den Tod zelebriert, so zelebriert Weihnachten mit Krippe und Geschenkpaketen das Wünschen. Es ist - im religiösen wie im weltlichen Sinn - ein Spiel, ein gebändigtes Ritual, ein Fake des Eigentlichen. Der echte Wunsch nämlich ist ein Monster, und mit dem ist nicht zu spaßen. Ihm geht es im Kern immer um Erlösung

Es gibt Regeln des Wünschens, und eine heißt: Äußere, was du willst, sonst kann es nicht in Erfüllung gehen. Der Wunsch muss gesagt werden, denn er ist die Wurzel aller Kommunikation, und er ist Abhängigkeit pur - wir geben uns in die Hände des Anderen oder des Schicksals. Der Wunsch ist Angewiesensein, für die Erfüllung wirklicher Wünsche braucht es einen Anderen oder etwas anderes, was wir nicht haben. Schrei, Säugling, sonst weiß die Mutter nicht, was du brauchst, und du verhungerst. Gesteh deine Passion, verliebtes Herz, sonst bleibst du allein. Wozu sonst gibt es Fürbitten, Gebete und Votivtafeln? Wallfahrtsorte sind Gralsstätten verzweifelten Wünschens. Sag dein Begehren, dann erhört dich Gott. Oder auch nicht.

Doch wie bei allem, was von tiefer Bedeutung ist, gilt auch vom Wunsch immer das Gegenteil. Sieh die Sternschnuppe, blas die verlorene Wimper weg, hör den Kuckuck schreien, nies dreimal und wünsch dir - aber verrat nicht, was. Warum dürfen wir manche Wünsche nicht aussprechen, es sei denn um den Preis, dass wir ihre Erfüllung riskieren? Es ist etwas Magisches an den Wünschen, sie sind Zwitter, gefährliche Keime im Haushalt des Begehrens, und immer geht etwas schief mit den drei Wünschen, die man frei hat. Wunsch und Glück hängen zusammen, aber sie bilden kein Kausalverhältnis. Wer Begehren äußert, gibt sich preis, verrät seine verwundbarste Stelle. Der Wunsch zeigt, wo wir wachsen wollen und wo man uns wirklich treffen kann; in ihm fallen das Mächtigste und das Schwächste zusammen. Es gibt diese alte Angst vor dem Neid der Götter und der bösen Dämonen, die den Menschen strafen, wenn er zu hoch fliegt, und die ihm das wegnehmen, was er am liebsten hat. Daher rührt die abergläubische Regel, dass man, was man wünscht, nicht verraten soll, denn sonst tritt das Gegenteil ein. "Hals- und Beinbruch" , sagen Wanderer, damit genau Hals- und Beinbruch nicht passieren, und wenn schon ausgesprochen ist, was unter glücklichen Umständen geschehen soll, dann muss man dreimal auf Holz klopfen, damit es wirklich eintritt. Zauber und Gegenzauber.

Wenn Wünsche gefahrlos in Erfüllung gingen, wären wir wie Götter. Lars von Triers Film Breaking the Waves ist eine böse Fabel darauf. Beth, die Protagonistin, will nach der ersten sexuellen Erweckung um keinen Preis mehr von ihrem Ehemann Jan lassen. Sie klammert sich heulend an die Tür des Hubschraubers, der Jan nach den Flitterwochen wieder auf die Bohrinsel bringen soll, auf der er arbeitet. Sie will nicht, sie will nicht, sie will ihn nicht weglassen. Beth betet zu Gott, dass er ihr den Mann zurückbringe, sie kann sich nicht gedulden, bis er auf seinen nächsten Heimurlaub kommt. Immer wieder hält sie erbitterte Zwiesprache mit dem Allerhöchsten, und der erhört schließlich ihr Gebet. Jan kommt zurück, querschnittsgelähmt vom Hals an abwärts nach einem Unfall auf der Bohrinsel. Sex war einmal. Dies ist die dreifache Lehre des christlichen Gottes in seiner liebend sadistischen Strenge: Du sollst nicht zu sehr begehren. Der Mächtigste bin ich. Du weißt nie, was herauskommt, wenn ich deinen Wunsch erfülle.

Wer wirklich wünscht, ist blind, fixiert auf das eine, dass sein Wunsch sich erfülle, koste es, was es wolle. Doch kein Wunsch lässt sich so formulieren, dass die Mächte, die ihn hören, ihn nicht missverstehen könnten oder uns narren, indem sie wortwörtlich nehmen, was wir nur übertragen meinten. Der Wunsch hat immer einen unscharfen Rand, und weil wir die Konsequenzen nicht kennen, wissen wir nie, ob ein Begehren Glück befördert oder Unglück. Das moderne Subjekt kann sich selbst so wenig trauen wie das vormoderne den Göttern, und es sollte seine Wünsche hüten, weil sie unbewusst vielleicht etwas enthalten, was man nicht wollen kann. So ergeht es in Thomas Glavinics Roman Das Leben der Wünsche dem Helden Jonas, der fürchtet, dass all die Katastrophen um ihn herum etwas mit dem zu tun haben könnten, was ein magischer Herr ihm zu erfüllen versprach. Große Wünsche machen Angst, gut daher, dass manche von ihnen geheim sind, uns selbst verborgen, und nur in Träumen auftauchen, die ja, frei nach Freud, gefahrlose Wunscherfüllungen sind.

Sagen Wünsche die Wahrheit?

Sagen Wünsche die Wahrheit? "La verité est grise" , schreibt André Gide, die Wahrheit ist grau. Der Wunsch aber ist bunt, rot oder schwarz, er ist entweder/oder, Glück und Unglück sind in ihm durch einen Hauch geschieden. Der Wunsch ist immer "on the edge" , er hat die Struktur der Verliebtheit.

Wünschen wir immer nur Dinge, die nicht in Erfüllung gehen, oder gehen die Dinge nicht in Erfüllung, weil wir sie uns wünschen? Es ist etwas Verhextes am Wunsch, ein Riss geht durch ihn hindurch.

Weil der Wunsch konkret ist, macht er gierig, abhängig und verbohrt, und weil wir verbohrt sind, bekommen wir nicht, was wir wollen. Wer zu viel zu verlieren hat, wird nicht gewinnen. Es ist, als wolle der Wunsch sich nicht zwingen lassen, als müssten wir ihn, das Flüchtige, auch flüchtig behandeln. Das aber können wir nicht, wenn wir wirklich wünschen. So wie Wichtiges niemals in angestrengter Konzentration zu erkennen ist, so wie nur der etwas geschenkt bekommt, der nichts will, scheint der Wunsch sich nur erfüllen zu können, wenn wir das Prinzip des Wunsches loslassen - ein paradoxes Unterfangen.

Angesichts dieser Logik mag man fragen, ob Wünsche überhaupt erfüllbar sind, denn schließlich rennt der Wunsch sich stetig selbst davon. Vieles ist, einmal befriedigt, eben kein Wunsch mehr, oder das Begehren erweist sich im Nachhinein als ein völlig anderes. Die leichte Tristesse des Happy End gemahnt daran, dass Wünschen manchmal schöner ist als Wahrwerden.

Die negative Logik des Wunsches ist ein Fluch und zugleich manchmal eine Rettung. Denn irgendetwas erfüllt sich immer, jeder Wunsch stößt eine Veränderung an, und man könnte sagen, dass Wünsche nur erfüllbar sind, weil sie eigentlich anderswo stecken als dort, wo wir sie suchen. Weil die Wünsche breiter und tiefer sind als die Konkretion, mit der wir sie erfassen, können sie hinterrücks dann doch an anderer Stelle glücklich machen. So zumindest ist die Hoffnung. Weil die Wahrheit eben wirklich grau ist, raten alle guten Geister, einschließlich der Märchenerzähler, man solle die Finger vom zu starken Wünschen lassen. Auch die Brüder Grimm unterscheiden immer den demütigen vom gierigen Charakter - den Fischer von seiner Frau. Zähme deine Leidenschaften, "besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach" , begnüge dich, auch Hans ist nur im Glück, weil er jedem schlechten Tausch etwas Gutes abgewinnen kann. Vertrau auf die Güte des Schicksals, lass dich beschenken und hör auf zu wünschen.

Doch was machen wir mit dem großen Wunsch, dem Ungeheuer? Manchmal hängt das ganze Leben daran, Gesundheit, Wohlstand, ein Kind, eine Liebe, alles würde anders werden mit einem Ja oder Nein. Es gibt Wünsche, bei denen es sich anfühlt, als würden wir sterben, wenn sie nicht in Erfüllung gehen, und irgendetwas in uns stirbt dann auch. Manchmal hätte man genau das bekommen wollen, was man sich gewünscht hat, und es wäre gut gewesen. Eine Erlösung. Denn erfülltes Begehren macht im besten Fall eines: wunschlos glücklich. (Andrea Roedig, - DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.12.2009)

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