Rundschau: Monströs!

    1. Mai 2010, 12:53
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    Jede Menge Creepy Crawlies und Romane unter anderem von Walter Jon Williams, John Varley, Jennifer Fallon und David Marusek

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    coverfoto: permuted press

    Ryan C. Thomas (Hrsg.): "Monstrous"

    Broschiert, 268 Seiten, Permuted Press 2009.

    Kein Mann rede sich etwas anderes ein: Size obviously matters, wie im Vorwort der Anthologie "Monstrous" klargestellt wird, die mit 20 Kurzgeschichten der guten alten Pulp-Tradition huldigt. Dieses Vorwort stammt von Steve Alten und wird werbewirksam schon am Cover angepriesen - immerhin hat es Alten mit seiner reißerischen "MEG"-Reihe über den (fast! nur fast!) ausgestorbenen Riesenhai Megalodon zu großer Popularität gebracht. (Stop. Reißerisch? Das beschreibt es nicht einmal annähernd. Immerhin wird in Teil 1 der Held verschlungen, um sich dann - mit einem abgebrochenen Haizahn!!! - aus dem Magen quer durchs Innere des Tiers durchzuschneiden und diesem schließlich mit bloßen Händen das Herz herauszureißen. HA! Das soll erst mal jemand überbieten.) Parallel zu "MEG" ist Alten übrigens der aktuellen Apokalypsen-Mode gefolgt und macht in Maya. Sein Anthologie-Beitrag "Lost in Time" ist abgesehen davon, dass er die Menschen als die eigentlichen Monster darstellt, weniger bemerkenswert; andere können denn doch besser schreiben. Zum Beispiel Nate Kenyon, der in "Keeping Watch" Lovecraftsche Beklemmungen hervorruft.

    Überhaupt ist Größe relativ zu verstehen. Bei Filzläusen reichen ja auch schon Medizinball-Dimensionen, um für ordentlich Schreck und Graus zu sorgen: Das erfahren sowohl die Protagonisten von Randy Chandlers "Cooties" als auch die Weltkriegssoldaten in Patrick Rutiglianos ekeligem Beitrag "The Enemy Of My Enemy" am eigenen Leib. So spielt sich denn auch einiges an Monströsem in einem Bereich ab, für den es im Englischen den schönen Begriff Creepy Crawlies gibt - mit nach oben offenen Grenzen. Schreibtischgröße erreichen die zangenbewehrten Käfer, die in Aaron A. Polsons "A Plague From The Mud" aus den Urwäldern Oregons hervorbrechen, Kuhgröße die nicht minder schnippelfreudigen Meeresfrüchte in "Crabs" von Guy N. Smith. Das ist übrigens der einzige ältere Beitrag zur Anthologie und ein willkommenes Wiederlesen: Smith zählt zur guten alten Schule des britischen Tier-Horrors und veröffentlichte ab den 70ern einige Romane, in denen Killerkrabben britische Badestrände in blutigen Brei verwandeln - schundig, aber mit Kultstatus. Dieser Serien-Nachtrag aus dem Jahr 1992 besticht als eine aufs Notwendigste beschränkte Momentaufnahme und braucht nur einen einzigen Schauplatz: eine Strandkabine aus vermeintlich sicherem Beton.

    Überhaupt setzen die meisten Autoren dieser Anthologie auf klaustrophobische Settings wie Höhlen, Schützengräben - oder ein unterirdisches Habitat: Hierhin haben sich in James Thomas Jeans' "Nirvana" die Überlebenden einer weltweiten Katastrophe geflüchtet, die durch Zombies - eindeutig das meistpublizierte Thema des Permuted Press-Verlags - ausgelöst wurde. Jeans beschreibt das Paradebeispiel einer good idea gone bad, die Generationen von bioinvasionsgeplagten AustralierInnen kollektiv aufseufzen ließe. Denn womit bekämpft man Leichen, auch wandelnde, am besten? Richtig, mit großen Maden ...

    Unbedingt erwähnt werden sollten auch die Beiträge mit etwas anderem Zugang: Paul Stuart gewinnt in "The Long Dark Submission" der Begegnung von Unterwasserfarmern mit Tiefsee-Giganten poetischere Aspekte ab als ein einfaches Wir-gegen-sie-Szenario. Und besonders bemerkenswert "Extinction" von Evan Dicken: Für sein Debüt entwirft der Autor eine alternative Steampunk-Vergangenheit, in der Kriege mittels der von einer Gilde gezüchteten warbeasts ausgetragen werden. Doch diese Ära neigt sich nun dem Ende zu. Als Erich seinen Riesenbären ins letzte Gefecht lenkt, trifft er auf einen Vorboten des kommenden Zeitalters: eine Kampfmaschine. Die finale Begegnung mit einem Ritter - Vertreter einer noch länger zurückliegenden Epoche, die nur noch als Folklore erhalten geblieben ist - führt Erich vor Augen, wie seine eigene Zukunft aussehen wird, und unterstreicht den melancholischen Charakter der Geschichte. Hoffentlich macht Dicken daraus mal einen Roman.

    Nur die Minderzahl der Beiträge wagt sich in Dimensionen vor, die jedem Gesetz von Körperstatik, Energieversorgung oder Aerodynamik spotten - nicht von ungefähr sind es die humorigen. In James A. Moores "Whatever Became Of Randy" schlurpt ein räuberisches Riesengehirn durch die Gegend wie die Wandertitte in Woody Allens "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten", in Jeff Strands "The Big Bite" wird ein Vampir dummerweise in eine Gefängniszelle mit Blick aufs Atomkraftwerk gesteckt, bis er zu einer Größe anschwillt, für die man einfach keine Pfähle mehr auftreiben kann. Das soll natürlich an den 50er-Jahre-Klassiker "Attack of the 50 Foot Woman" erinnern, der unter anderem ein Remake mit Daryl Hannah und ein cooles Kylie Minogue-Video nach sich zog. Aber eine noch viel bessere Hommage ist in der Anthologie ebenfalls enthalten, kommt von Steven Shrewsbury und heißt "Attack of the 500-Foot Porn Star": Womanizer Howard hat diesmal die Falsche sitzen lassen, nämlich die rachsüchtige Enkelin eines Area 51-Forschers. So wacht er eines Tages auf und muss feststellen, dass er seinem Künstlernamen Miles Long zum ersten Mal wirklich gerecht wird. Unbeholfen trampelt er durch die Stadt, schlägt mit seiner 30-Meter-Erektion Dächer ein und wird vom Militär einem Grande Finale entgegen getrieben.

    Pulp ist nicht Bizarro, auch wenn das Genre im frühen 20. Jahrhundert vielleicht eine ähnliche Rolle gespielt haben mag. Im Lauf der Zeit ist es jedoch zu einem eigenen Genre mit eigener Motivgeschichte ... und einem eigenen Regelwerk geworden. Sehr schön illustrierte dies der Verlag Subterranean Press, als er auf eine ähnliche Anthologie mit dem Titel "Retro Pulp Tales" nicht einfach "... 2" folgen ließ, sondern die Fortsetzung in einer Demonstration überragenden Stilbewusstseins "Son of Retro Pulp Tales" betitelte. Die völlige erzählerische Freiheit, die das Bizarro-Genre bietet, nutzt jedoch auch einer der hier vertretenen Autoren, Cody Goodfellow in "The Island of Dr. Otaku". Mit herkömmlichen Kaijū, also den typisch japanischen Riesenmonstern, setzt sich hier überhaupt erst alles in Gang; sehr hübsch etwa der biomechanische Killerwal, mit dem Greenpeace die japanische Fangflotte versenkt. Danach aber wird es erst so richtig abgefahren: Dr. Otaku erschafft metaphysische Monster als Kondensat kollektiver Ängste - in einem bildgewaltigen Feuerwerk fiesen Humors erleben wir unter anderem mit, wie lachende tibetische Mönche auf einem Riesenyeti Peking plattwalzen, ein gigantischer Stalin Putin verschluckt (und wieder ausspuckt) oder ganz Tokio sich in eine fliegende Riesenqualle verwandelt, die mit ihren Tentakeln die Weltwirtschaft an sich reißt. Sprache stößt hier an ihre Grenzen: Diese Geschichte sollte als Anime verfilmt werden - und das müsste man sich dann mindestens dreimal ansehen, um kein Detail zu verpassen. Hirnzerschmetternd und einfach großartig!

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