Rundschau: Monströs!

    1. Mai 2010, 12:53
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    Jede Menge Creepy Crawlies und Romane unter anderem von Walter Jon Williams, John Varley, Jennifer Fallon und David Marusek

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    coverfoto: heyne

    Walter Jon Williams: "Der Fall des Imperiums"

    Broschiert, 623 Seiten, € 16,50, Heyne 2010.

    Eine epische Weltraum-Saga beginnt mit dem Ende einer Ära: Siegesgewissheit ergibt sich nach unzähligen Jahrtausenden dem Tode; er war der Letzte aus dem Volk der Shaa, das einst das feudale Imperium aufgebaut hat, dem auch die Menschheit einverleibt wurde. Analog zum Römischen Reich oder dem Britischen Empire herrschten die Shaa mit überlegener Kriegstechnik und dem unbedingten Willen diese auch einzusetzen über "ihren" Teil der Galaxis. Wo der Hammer hängt, haben sie ihre Untertanen nie vergessen lassen - Menschen dürfen beispielsweise auf Kriegsschiffen Dienst leisten, die schöne Namen wie Bombardierung von Los Angeles tragen. Aber so recht zum Abschluss konnten die Shaa ihr großspuriges Projekt der Universalherrschaft - sie selbst verwendeten schönfärberische Metaphern wie "den Garten gestalten" - nicht bringen. Und wie sich nach Siegesgewissheits pompöser Beisetzung recht bald zeigen wird, stand das Imperium längst auf tönernen Füßen.

    Als ProtagonistInnen wählt der Autor zwei Figuren, die beide Kreaturen des Systems und damit auch (noch) recht weit von jeder Heldenrolle entfernt sind. Leutnant Gareth Martinez stammt aus provinzadeligen Verhältnissen und wird in der Hackordnung des imperialen Zentrums nicht einmal ignoriert. All sein Denken und Tun kreist deshalb um seine Karriere: Als er seinen Vorgesetzten davon abhalten will, in bedingungsloser Loyalität zusammen mit Siegesgewissheit in den Tod zu gehen, geschieht dies nicht etwa aus Mitgefühl, sondern weil er Angst hat, beruflich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die eigenen Schwestern strategisch zu verheiraten fällt in dieselbe Kategorie. Bei einem Rettungseinsatz lernt Gareth die begnadete Pilotin Caroline Sula kennen und wirft trotz ihrer dubiosen Vergangenheit ein Auge auf sie. Carolines dunkles Geheimnis wird später zwar in einen Plot-Twist münden, den man schon meilenweit gegen den Wind riechen kann - aber ihre Erinnerungen geben einen guten Einblick in das Leben der weniger begüterten BürgerInnen, in die Halbwelt und den Alltag derer, die sich nur mit Tricks über Wasser halten können. Den ökonomischen Zwängen können die beiden Hauptfiguren zwar nicht entrinnen, aber ein wenig Distanz haben sie sich bewahrt. Da das Geschehen jeweils durch ihre Wahrnehmung gefiltert erzählt wird, ergibt sich somit ein durchgängiger Ton von leisem Sarkasmus, der den Roman zu einem recht vergnüglichen Leseerlebnis macht.

    Klappentexte neigen zum Nivellieren. Hier ist die Rede davon, dass eines der imperialen Völker das Machtvakuum für eine Revolte nützt und dass Gareth zu den wenigen gehört, die den Plan der Umstürzler durchschauen; gigantische Gefechte werden angekündigt ... jaja, stimmt schon alles, kommt auch alles. Aber darauf liegt nicht der Schwerpunkt des Romans, und das ist auch gut so. "Der Fall des Imperiums" ist mehr gesellschaftliches Panorama als Space Opera, man möchte ja auch erst einmal erfassen, was hier zu Fall gebracht wird. Und so nach und nach schält sich dabei heraus, was für ein hohles Gebilde das Imperium eigentlich ist: Die einstige Expansion ist längst ins Stocken geraten, die gefürchtete Flotte der Shaa hat keine Kampferfahrung mehr (was zu Raumschlachten führen wird, in denen auf beiden Seiten ziemlich unprofessionell agiert wird: eine reizvolle Idee). In den Kreisen der adeligen Peers dreht sich alles nur um Postenschacher, Konkurrenzdenken, Neid und Dünkel - und um private Vorlieben. So hat beispielsweise der Kommandant des Schiffs, auf das Gareth abkommandiert wird, seine Besatzung nicht nach Kompetenz, sondern nach deren fußballerischer Leistung ausgesucht. Williams muss das Wort Dekadenz nie aussprechen; er illustriert es dafür in vielfältigster Weise.

    Am bezeichnendsten aber ist die Praxis genannte Philosophie der Shaa, die das Imperium seit Jahrtausenden zusammenhält. Unwesentlich ist sie nicht, immerhin hat sie's sogar in den Originaltitel des Romans ("Dread Empire's Fall: The Praxis") geschafft, doch erfährt man von ihrem Inhalt ... nichts. Außer ihrer anfangs zitierten Präambel "Alles Wichtige ist bereits bekannt", also einem Manifest der Ignoranz, bleibt das vermeintliche Um und Auf des Imperiums ein Phantom. Nur eine Reihe von Verboten, die mit eiserner Hand durchgesetzt werden, wird erwähnt: Künstliche Intelligenz, Gentechnik, transhumane Existenzen und Materieveränderungen auf atomarer Ebene (sowie sämtliche Versuche die Unsterblichkeit zu erlangen: Gruß von den Vorlonen) sind untersagt. Ist doch immer wieder spannend zu lesen, durch welche in der Handlung begründete Schlupflöcher ältere AutorInnen den neuen transhumanen Standards der Hard SF entwischen wollen. Hard SF bleibt es nichtsdestotrotz, wie die ausführlich beschriebenen Unterlichtflüge und Swingby-Manöver zeigen; nur eben Marke Good Ol' SF. Und ein Bündel an Verboten macht ohnehin noch keine Philosophie aus - viel eher scheint es, dass der einzige Inhalt der absolutistischen Shaa-Ethik ihre Durchsetzung ist.

    Der 1953 geborene US-Autor Walter Jon Williams ist mehrfacher Nebula-Preisträger und vielfacher Nebula- und Hugo-Nominierter. Man kann also getrost darauf vertrauen, dass jedes Abweichen von der vermeintlich optimalen Space Opera-Formel ganz gezielt durchgeführt wurde und einen wohldurchdachten Hintergrund hat. Wer Romane ausschließlich nach der Action-Quote misst, wird sich hier bis in die zweite Hälfte gedulden müssen - aber der tiefe Fall des Imperiums ist ja auch noch lange nicht zu Ende: Auf den vielversprechenden Auftakt soll im August mit "Sternendämmerung" Teil 2 der Trilogie folgen.

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