Rundschau: Monströs!

    1. Mai 2010, 12:53
    17 Postings

    Jede Menge Creepy Crawlies und Romane unter anderem von Walter Jon Williams, John Varley, Jennifer Fallon und David Marusek

    Bild 2 von 11
    coverfoto: macmillan

    David Marusek: "Mind Over Ship"

    Broschiert, 320 Seiten, Tor Books 2010.

    "We live in a boutique economy now. Energy is abundant and cheap. Mentars and robotic labor make and manage everything. So who needs people? People are so much dead weight. (...) I think we can all agree that Corporation Earth is in need of a serious downsizing." - Und genauso herzlos wie hier geäußert wird die Wirtschaft in den United Democracies der Erde auch gesteuert. Wie schon in seinem Roman "Counting Heads" (hier der Rückblick) zeichnet der großartige David Marusek auch in der Fortsetzung "Mind Over Ship" ein überwältigendes Panorama der Welt im Jahr 2135 - oder besser gesagt Welten, Plural: Der der superreichen affs, ihrer Pläne und Intrigen - und der der geklonten iterants, die sämtliche Dienstleistungsarbeiten erledigen und die Auswirkungen dieser Pläne am eigenen Leib zu spüren bekommen: Das "Upstairs, Downstairs"-System, angewandt auf die Science Fiction.

    Marusek zwingt den Leser zu ständiger Umorientierung, wo die "eigentliche" Haupthandlung verläuft. Wie ein Wirtschaftskrimi aus der High Society liest es sich, wenn die Besitzerin des Klon-Konzerns Applied People ihre Marktanteile an den Konkurrenten Capias World verliert. Ein Gesicht bekommt das Ganze aber erst, wenn der altgediente Sicherheitsspezialist Fred Londenstane aus der Applied People-Klon-Linie der russes einen Job auf einer Raumstation antritt, wo ihm die neue Capias-Konkurrenz der donalds - besser für Arbeiten in der Schwerelosigkeit adaptiert und gleichzeitig ein Stückchen weiter vom herkömmlichen menschlichen Erscheinungsbild abgerückt - einen wahren Spießrutenlauf in Form eines Spucke-Regens beschert: Es sind solche kleinen Szenen, die die großen im Roman beschriebenen Trends anschaulich machen und betonen, dass Marusek stets eine sehr, sehr menschliche Perspektive einnimmt. Was bei einem derart fortgeschrittenen Grad an Transhumanität eine Leistung für sich ist: Siehe etwa das nanotechnologische nitwork - man stelle sich einfach vor, von der Darmflora bis zur omnipräsenten Feinstaubbelastung wäre alles Bestandteil eines weltumspannenden Kommunikationsnetzwerks. Nicht zu vergessen die im vorigen Band zu Tode gekommene Unternehmerin Eleanor Starke, die nun als wahrhaft transhumane Existenz weiterlebt - in einer Form, die man so g-a-r-a-n-t-i-e-r-t noch nicht gelesen hat. Auch wenn ihr selbst die neue Existenzform nur ein nüchternes "I am alive but currently between bodies" entlockt.

    Eine ganz andere Gegenüberstellung als die zwischen Ober- und Unterschicht bietet gleich zu Beginn eine Passage  in ebenso zynischer wie wunderschön durchgeführter Weise. Ein neu hergestellter mentar, also eine künstliche Intelligenz, muss zu sich finden: Lyra. Die Klon-evangeline Mary und einige Krankenschwestern unterstützen Lyra dabei und betonen, wie wichtig eigene Entscheidungen für die Persönlichkeitsentfaltung sind. Gleich darauf werden sie von einem Arzt instruiert, wie sie mit ihrer menschlichen Patientin Ellen - Eleanor Starkes Tochter, die beinahe demselben Unfall zum Opfer fiel wie ihre Mutter - zu verfahren haben: Unerwünschte Gedankengänge in Ellens sich neu "verdrahtendem" Gehirn sollen unterbunden werden. Dazu drückt man den Schwestern kleine clickers in die Hand, die sie bei jeder falschen Äußerung Ellens betätigen müssen. Ganz wie im Hunde-Training.

    Den großen Rahmen für die Handlung von "Mind Over Ship" liefert das bereits im Vorgänger-Roman erwähnte Garden Earth Project, das der Wiederbegrünung der übervölkerten Erde dienen soll: Im Austausch für Land erhalten dessen EigentümerInnen Platz auf Kolonieschiffen, die in andere Sternensysteme geschickt werden sollen ... bis es sich die Projekt-TeilhaberInnen anders überlegen, weil orbitale Weltraumhabitate mehr Kohle einbringen könnten. GEO-Mitbegründer Merrill Meewee hat in der Folge alle Hände voll zu tun: Zum einen mit der totgeglaubten Eleanor, die ihm aus ihrer nicht zu fassen kriegenden neuen Existenzform ständig geisterhafte Botschaften übermittelt. Und zum anderen damit, KolonistInnen in spe gegen den Vertragsbruch seiner GEO-PartnerInnen zu mobilisieren. Ein bunter Haufen kommt da zusammen: Eines der Schiffe hat eine Sekte gebucht, ein anderes eine Ansammlung von Klonen prominenter affs, die als deren Organspender oder Bodydoubles vorgesehen waren, durch technisches Missgeschick aber zu eigenem Bewusstsein gelangten.

    Einmal mehr erweist sich hier Maruseks Vermögen, eine Grundidee bis zu ihren bizarrsten Folgeerscheinungen weiterzudenken. Und das gilt sogar für die Ideen anderer: Die hehren Visionen eines Hugo Gernsback werden hier zur Karikatur, wenn sich auf den automatischen Laufbändern zwischen den urbanen Gigatowers eine kleine Fehlfunktion einschleicht und tausende PassantInnen zu einem rotierenden Chaos zusammengequetscht werden, das fliegende Roboter mit Sedativa besprühen. Schlicht unüberbietbar aber bleibt die von Marusek ersonnene Möglichkeitenpalette an körperlichen und in den Realraum projizierten virtuellen Existenzformen, die einander so durchdringen, dass sie eine vollkommene Neudefinition des Ortssinnes erfordern.

    Alles ist möglich? Nicht ganz. Wer "Counting Heads" gelesen hat und sich nun wundert, wo die dritte Handlungsebene um die charterists abgeblieben ist: Marusek hat sie kurzerhand gestrichen. Ursprünglich aus einem rein erzählerischen Dilemma heraus, dann jedoch mit Vorsatz, wie er in einem Interview erklärte. Charterists sind der dritte Zweig der Menschheit; weder superreich noch geklonte DienstleisterInnen, verkörperten sie die Mittelschicht - und für die ist in der sich weiter und weiter wandelnden Gesellschaft einfach kein Platz mehr. Mary bringt es auf den Punkt: Capitalism was a marvel, as long as you were a capitalist. - Übrigens ist beim neugegründeten Golkonda-Verlag eine Übersetzung von David Maruseks früheren Werken ins Deutsche angedacht. Wird spannend sein zu sehen, wie da die Fülle an Neologismen gehandhabt wird, die Marusek mit größter Selbstverständlichkeit verwendet und die entscheidend zu dem ungeheuer authentischen Eindruck beitragen, den die von ihm entworfene Welt vermittelt. Alle, die sich von Englisch nicht einschüchtern lassen, können "Mind Over Ship" derweil immerhin in der günstigeren Paperback-Version erwerben, die vor einem Monat erschienen ist. Einmal mehr: Großer Autor, große Empfehlung!

    weiter ›
    Share if you care.