Rundschau: Monströs!

    1. Mai 2010, 12:53
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    Jede Menge Creepy Crawlies und Romane unter anderem von Walter Jon Williams, John Varley, Jennifer Fallon und David Marusek

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    coverfoto: heyne

    John Varley: "Roter Blitz"

    Broschiert, 479 Seiten, € 9,20, Heyne 2010.

    "Der Mars ist echt beschissen", lautet der Eröffnungssatz in John Varleys Sequel zu seinem Roman "Roter Donner" (hier der Rückblick). Es wird sich in der Folge noch zeigen, dass er nicht ganz ernst gemeint ist; die Erde wäre schließlich ein noch viel schlimmerer Ort zum Leben. Eher schon soll damit der Ton etabliert werden, in dem "Roter Blitz" erzählt wird; ganz wie sein Vorgänger auch. - Um diese Fortführung zu gewährleisten, springt Varley kurzerhand eine Generation weiter: Manny, Kelly & Co, die ProtagonistInnen von "Roter Donner", die einst den Mars in einem selbstgebastelten Raumschiff erreicht haben, das dem bruchgelandeten Kübel von Alf alle Ehre gemacht hätte, sind erwachsen geworden und haben den Mars kolonisiert. Ein raues, aber von viel hemdsärmeligem Pioniergeist durchdrungenes Stück Zivilisation ist geschaffen worden. Jay Garcia, der Sohn von Manny und Kelly, ist hier aufgewachsen und mittlerweile im selben Alter wie seine Eltern in Teil 1. Mit großmäuligem Jugendsprech fungiert er als die neue Hauptfigur und lässt damit Teil 2 trotz zeitlichen Abstands nahtlos ans bisherige Geschehen anschließen.

    Vom Mars aus erlebt Jay den Wo-warst-du-als-es-passierte-Augenblick seiner Generation: Ein unbekanntes Objekt schlägt auf der Erde ein und löst eine gigantische Flutwelle aus. Weil Oma Garcia als einzige der Familie in der alten Heimat Florida geblieben ist, entschließt man sich zu einer Rettungsmission. Die Einreise auf der Erde wird aber nicht nur in Sachen erhöhte Schwerkraft zur Herausforderung, die Garcias werden auch mit längst ungewohnt gewordenen (und durch die Katastrophe verschärften) bürokratischen Rahmenbedingungen konfrontiert. Gelegenheit für Varley, ein paar satirische Spitzen anzubringen - etwa die Warteschlange vor dem Airport-Schalter, an dem sich Passagiere ihre vorausgeschickten Waffen abholen können. "Wir sind hier nicht auf dem Mars. Wir sind auf der Erde, und was noch schlimmer ist: in Amerika." Wirres US-Katastrophenmanagement und behördliche Versuche, das Ausmaß der Katastrophe zu verschleiern: Im Nachwort wird Varley erzählen, wie sein Roman (2006 als "Red Lightning" veröffentlicht) parallel zu Ereignissen wie Katrina oder dem Tsunami im Indischen Ozean entstand und wie er sich veranlasst fühlte, den Text aufgrund der realen Geschehnisse zu modifizieren.

    Der notorisch unverwüstliche Garcia-Clan meistert zunächst einmal alle Herausforderungen mit Willensstärke und Optimismus, auch wenn ihnen der Humor im Überschwemmungsgebiet vorübergehend verloren geht. Das ist aber nur das Vorspiel für Unannehmlichkeiten anderer Art, in Gang gesetzt, als ihr alter Kumpel Jubal von seinem Labor/Exil/Gefängnis auf den Falkland-Inseln ausbüxt. Wir erinnern uns: Jubal ist jenes verschrobene Genie, das den sämtlicher Physik trotzenden Drücker erfand, der unbegrenzt Energie liefert und letztlich auch die bemannte Raumfahrt und die Besiedelung des Mars ermöglichte. Jubals Verschwinden versetzt die Mächte der Erde in Aufruhr - vorbeugend starten sie eine Invasion des Mars, wo ja Jubals alte Spießgesellen leben, und in der Folge wird die Geschichte einen etwas anderen Charakter annehmen. Die US-Historie und "Total Recall" lassen grüßen, wenn es nun um die Unabhängigkeit des Mars geht.

    ... und leider verliert der Roman damit auch etwas an Charme. Naivität ist eine Sache, wenn es um das Zusammenbasteln eines unwahrscheinlichen Raumschiffs geht, aus dem heraus man der milliardenschweren NASA eine lange Nase drehen kann. Auch dass die notorisch mit den Obrigkeiten im Clinch liegenden Garcias an einer Stelle den feierlichen Eid ablegen, die Gesetze der USA zu respektieren, "solange sie uns nicht daran hindern, das zu tun, was wir tun wollen", ist noch witzig - aber was werden sie wohl tun, wenn sie selbst erst im wahrsten Sinne des Wortes am Drücker sind? Vom tolldreisten Abenteuer einiger IndividualistInnen zur Wir-wissen-was-gut-für-euch-ist-Mentalität ist der Sprung offenbar recht kurz. Und dass die Mars-Invasoren anonym bleiben, entbindet letztlich auch von jeglicher Notwendigkeit zu differenzieren. Speziell "Onkel" Travis schert sämtliche Erdis gerne über einen Kamm. Stark drängt sich der Eindruck auf, dass die mehrfach geäußerte Enttäuschung über die alten USA Hand in Hand mit einer ebenso undifferenzierten Glorifizierung der New Frontier geht, der neuen Neuen Welt auf dem Mars - die Attitüde bleibt dieselbe, nur die Referenzpunkte haben getauscht. "Roter Blitz", das nebenbei bemerkt ruhig noch eine Ehrenrunde im Korrektorat drehen hätte können, ist zwar immer noch sehr unterhaltsam, aber nicht mehr ganz das unbeschwerte Vergnügen wie "Roter Donner".

    Die nächste Rundschau wird übrigens ebenfalls noch im Mai erscheinen, nachdem ich mit dieser die Monatsgrenze knapp überschreiten musste. Dann besuchen wir unter anderem ein Naturparadies mit höllischen Abwehrkräften und erleben die dramatische Vollendung einer royalen Geschlechtsumwandlung. Außerdem wird entweder der heurige "Nebula"-Gewinner enthalten sein ... oder einer der hoffnungsvollen Verlierer. (Josefson)

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