Die Ehrenrettung des Macho-Hormons

    24. Jänner 2010, 19:00
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    Das Männlichkeitshormon Testosteron gilt als Triebfeder für Aggressivität - Wie eine neue Schweizer Studie zeigt, kann es aber auch Fairness fördern

    Es macht Männer aggressiver, ihr Verhalten riskanter und Buben aufmüpfiger, sagt man. Kein Zweifel: Testosteron genießt einen denkbar schlechten Ruf. Ein Macho-Hormon, in unseren zivilisierten Zeiten überflüssig und sogar schädlich, oder? Anscheinend nicht unbedingt. Ein schweizerisch-deutsches Forscherteam unter Leitung von Ernst Fehr und Christoph Eisenegger von der Universität Zürich hat mittels eines sogenannten Ultimatumspiels eine sozial förderliche Wirkung von Testosteron nachgewiesen - bei Frauen.

    Das Experiment verlief wie folgt: Insgesamt 121 Teilnehmerinnen mit einem Durchschnittsalter von 25,6 Jahren wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. In der einen Gruppe wurde eine Dosis von 0,5 Milligramm Testosteron unter der Zunge verabreicht, die Frauen der andere Gruppe erhielten ein wirkungsloses Placebo. Keine wusste, was sie bekam.

    Striktes Procedere

    Nach einer Einwirkungsdauer von vier Stunden wurden die Partizipantinnen dann erneut nach dem Zufallsprinzip unterteilt, diesmal in eine Bieter- und eine Empfängergruppe. Die Ersteren sollten jeweils einer Spielpartnerin von einer Summe von zehn Schweizer Franken entweder fünf, drei, zwei oder keinen anbieten. Die Empfängerin konnte das Angebot annehmen und den Teilbetrag kassieren oder ablehnen. In dem Fall jedoch würden beide leer ausgehen, was ihnen vorher gesagt worden war. Der Spielkontakt geschah übrigens nur anonym per Computer, die Teilnehmerinnen konnten sich beim Spiel nicht sehen. Jede Bieterin spielte drei Runden, jedes Mal mit einer unterschiedlichen Empfängerin.

    Die Versuchsergebnisse verblüfften die Wissenschafter gleich in zweifacher Hinsicht. Das verabreichte Männlichkeitshormon führte offenbar nicht zu einem verstärkten Egoismus - sondern im Gegenteil. Testoste-ronbeeinflusste Teilnehmerinnen tendierten sogar eher zu faireren Angeboten als die Frauen der Placebo-Gruppe. Der Durchschnitt betrug 3,90 bzw. 3,40 Franken.

    Selbsteinschätzung

    Noch viel frappierender war dann jedoch ein zweites Phänomen. Nach Abschluss des Experiments wurden die Frauen gefragt, ob sie glaubten, Testosteron oder die wirkungslose Substanz eingenommen zu haben. Wer sich selbst unter Hormoneinfluss wähnte, verhielt sich deutlich egoistischer im Vergleich zu den nach eigener Einschätzung placebobehandelten Damen, unabhängig davon, was die Teilnehmerinnen tatsächlich bekommen hatten. "Dieser Glaubenseffekt ist sogar stärker als die Testosteronwirkung selbst", erklärt Christoph Eisenegger im Gespräch mit dem Standard.

    Wie lassen sich diese Resultate nun also erklären? Eine potenzielle Möglichkeit wäre, dass Testosteron altruistisches Verhalten fördert, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift Nature. Die Reaktionen der testosteronbeeinflussten Empfängerinnen sprechen allerdings dagegen. Sie lehnten unfaire Angebote im Durchschnitt genauso oft ab wie die placebobehandelten Teilnehmerinnen. Von einer stärkeren Neigung zu selbstlosem Handeln also keine Spur.

    Als weitaus wahrscheinlichere Erklärung kommt deshalb die sogenannte Sozialstatus-Hypothese in Frage. Nach ihr steuert Testosteron vor allem solches Verhalten, welches das Ansehen einer Person gegenüber ihren Mitmenschen steigert (vgl. u. a. Psychological Science, Bd. 14, S. 158). In Bezug auf das Ultimatumspiel würde dies also nun Folgendes bedeuten: Eine Ablehnung infolge eines unfairen Angebots schmälert den Sozialstatus der Bieterin - ihr Egoismus schädigt sozusagen ihren Ruf und vielleicht auch ihr Selbstbewusstsein. Der Testosteroneinfluss führt demnach dazu, eher das langfristig wirkende eigene Ansehen im Blick zu haben als einen schnellen finanziellen Gewinn. Fairness aus Eigennutz. "Es ist erstaunlich, dass diese Wirkung auch in einer anonymen Versuchsanordnung eintritt", erläutert Christoph Eisenegger.

    Der beobachtete Glaubenseffekt ist ebenfalls von großem wissenschaftlichen Interesse. Er zeigt, wie sehr Erwartungshaltungen das menschliche Verhalten konkret steuern können - auch unbewusst.

    Psyche und Körper

    Eine finnische Studie hat bereits 1994 auf die Existenz eines solchen Effekts hingedeutet (vgl. Aggressive Behaviour, Bd. 20, S. 17). Wer also glaubt, unter Testosteroneinfluss aggressiv und egoistisch zu werden, der wird es tatsächlich auch. Man habe, so Eisenegger, in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend versucht, das menschliche Verhalten vor allem als Produkt rein biologischer Vorgänge zu erklären. Zumindest in dieser Studie aber hätten sich die soziokulturellen Faktoren als viel stärker erwiesen.

    Testosteron ist demnach vermutlich eine Art "Motivationshormon" und keine an sich aggressionssteigernde Substanz, betont der Schweizer Experte. "Ich hoffe und erwarte, dass auch zukünftige Versuche diesen Volksglauben als Irrtum entlarven werden." (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Printausgabe, 25.01.2010)

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      Männer und Frauen bilden das Sexualhormon Testosteron, allerdings in unterschiedlichen Dosierungen. Es steuert Männlichkeit und hat, wie Studien zeigen, aber auch ausgleichende Wirkung.

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