"Ceaucescu wacht beharrlich über uns"

17. Dezember 2009, 18:50
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Ende Dezember 1989 gingen 100.000 Rumänen auf die Straßen, um das Regime zu stürzen. Die Revolution bleibt unvollendet

Bis heute sitzen Exkommunisten auf wichtigen Posten.

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Rumänien am 21. Dezember 1989. Das staatliche Fernsehen hat für das allabendlich praktisch identische dreistündige Programm Sendungen wie Die Errungenschaften des goldenen Zeitalters oder Die große Mobilisierung für die exemplarische Planerfüllung im Dezember angekündigt. Doch dann wird die Übertragung der großen Rede Ceaucescus unterbrochen, die Volksversammlung in Bukarest schlägt in eine Protestdemonstration gegen das kommunistische Regime um. Wenig später stehen die Revolutionäre im Fernsehstudio. Die Bilder der "Telerevolution" gehen um die Welt, später auch jene von der Erschießung des Diktatorenpaares.

Doch bis heute bleibt unklar, ob es sich beim Systemwechsel 1989 um einen Putsch oder eine spontane Volkserhebung handelte. Nachdem in Großstädten mehr als 1000 vorwiegend junge Menschen in den Auseinandersetzungen mit "ausländischen Terroristen" (so die Version des alten Regimes) starben, kam schnell die "Front zur Nationalen Rettung" ans Ruder, angeführt vom Exkommunisten Ion Iliescu, der unter Ceaucescu Propagandachef des Zentralkomitees der Partei und Jugendminister war. Dreimal wird Iliescu nach der Wende Präsident und prägt die ersten 15 Jahre des rumänischen "Postkommunismus" maßgeblich.

Alte Garde bleibt Elite

1990 werden friedliche Proteste gegen die "Neokommunisten" bei bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen brutal erstickt - Iliescu hatte Bergleute "ermutigt" , in Bukarest aufzumarschieren, um die Demonstranten zu vertreiben. Die "alte Garde" wurde zur neuen politischen und wirtschaftlichen Elite und häufte bei der Umverteilung der Wirtschafts- und Verwaltungsposten große Vermögen an.

Noch im Jahr 2000 feiert Iliescu ein Comeback, weil er gegen den Ultranationalisten und Ex-Hofpoeten der Ceaucescus, Corneliu Vadim Tudor, das geringere Übel darstellt. Die Macht der Exkommunisten setzt sich bis heute durch. Kein einziges Verfahren gegen prominente Politiker, wie etwa gegen Iliescu oder Expremier Adrian Nastase, führte bislang zu einem rechtskräftigen Urteil.

Auch die Rückerstattung des von den Kommunisten konfiszierten Besitzes wurde oft erfolgreich verhindert. Das unter Iliescu verabschiedete Restitutionsgesetz erlaubte ausgerechnet jenen Ceau-cescu-Günstlingen, die von der Beschlagnahme in den 1940er-Jahren profitiert hatten, Immobilien für Spottpreise zu erwerben, während den rechtmäßigen Besitzern oft wertlose Aktien als Kompensation angeboten wurden. So wurde der Raub der Kommunisten legalisiert.

Auch die Geheimdienstakten wurden erst 2005 einer eigenen Behörde übergeben. Als dieser erste wichtige Enthüllungen gelangen, sorgten immer wieder gesetzliche Rückschritte für die Vereitelung dieses Prozesses, der nach dem Tod der Galionsfigur Ticu Dumi-trescu heuer fast gänzlich zum Erliegen kam. Nutznießer der "gestohlenen Revolution" waren und sind ehemalige Securitate-Leute, die die meisten politischen und wirtschaftlichen Schaltstellen für sich vereinnahmen konnten, und dubiose "Lokalbarone" . Ein Beispiel ist der Devisenbringer Ceaucescus, Dan Voiculescu, dem Spitzeltätigkeiten für die Securitate nachgewiesen werden konnten, der aber heute Vizepräsident des Senats und einer der großen Medienmogule Rumäniens ist. Am ehesten greift noch Präsident Traian Basescu, der 2006 das kommunistische Regime als verbrecherisch verurteilte, die "Oligarchien der Übergangsphase" und die "illegitimen Interessengruppen" an.

"Ceaucescu ist nicht tot, er wacht beharrlich über uns, Ceaucescu ist eine Schule, Ceaucescu ist eine Krankheit" , lautet ein Liedtext der Sängerin Ada Milea, vielleicht auch angesichts der Tatsache, dass Nostalgiker zu Jahrestagen Blumen auf das Grab der Ceaucescus legen. Auch das Werk Ich komme in fünf Minuten des Künstlers Dumitru Gorzo spielt auf die hartnäckige Präsenz des kommunistischen Erbes an. Mangels einer gesamtgesellschaftlichen Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit übernahm die Kunst die Aufgabe der Erinnerung - kaum ein Roman, kaum ein Film, der heute in Rumänien veröffentlicht wird, kommt um die schwierige Erbschaft des Kommunismus umhin. (Laura Balomiri aus Bukarest/DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2009)

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    Am 22. Dezember 1989 ist die Bukarester Innenstadt überfüllt mit Demonstranten. Viele sterben durch Schüsse. Manche schneiden den kommunistischen Stern aus der Flagge.

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