"Ich war einer der Revoluzzer"

15. Dezember 2009, 17:52
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Jürgen Bodenseer erklärt, warum gegen Leopold Maderthaner revoltiert wurde und warum Christoph Leitl kein ähnliches Schicksal droht

STANDARD: Die Tiroler Wirtschaftskammer hat vor zehn Jahren am Sturz von Präsident Leopold Maderthaner und der Einsetzung von Christoph Leitl mitgewirkt. Welche Motive gab es damals?

Bodenseer: Ich war einer der Revoluzzer, ja. Es ist uns damals gelungen, das Ruder herumzureißen. Warum wir das gemacht haben? Modernität in der Kammer, alte Zöpfe weg, eine stärkere Serviceorientierung:Das waren damals unsere Schlagworte. Und vieles davon ist dann ja auch umgesetzt worden.

STANDARD: Und mit einem Präsidenten Maderthaner wäre damals eine Modernisierung nicht mehr möglich gewesen?

Bodenseer: Maderthaner war der richtige Mann in seiner Zeit. Er hat aber auch gesehen, dass es eine Erneuerung braucht - zugegebenermaßen erst am Schluss, vorher nicht. Es ist gut, wenn man im Wirtschaftsbund und in der Wirtschaftskammer zur richtigen Zeit die richtigen Persönlichkeiten an den führenden Positionen hat. Christoph Leitl war im Reformprozess und auch jetzt sicher der richtige Mann. Er hat die Wirtschaftskammer näher in den Fokus der Politik gerückt. Die Stimme der Wirtschaft wird unter Leitl sicher massiver und lauter gesprochen. Und vor allem:Sie wird auch verstanden.

STANDARD: Der Wechsel von Maderthaner zu Leitl fiel auch zeitlich mit dem erstmaligen Antreten einer schwarz-blauen Bundesregierung zusammen. War das damals auch ein Argument?

Bodenseer: Man sollte mit gescheiten Kommentaren im Nachhinein vorsichtig sein. Aber aus heutiger Sicht ist das sicher eine richtige Schlussfolgerung.

STANDARD: Der Knackpunkt für den Maderthaner-Abgang war aber wohl die Spendenaffäre, als rauskam, dass der Präsident Gelder angenommen, für diese aber keine Schenkungssteuer bezahlt hat.

Bodenseer: Das war sicherlich ein Grund, warum es dann doch zu einem schnellen Wechsel gekommen ist.

STANDARD: Verraten Sie auch, welche Personen die treibenden Kräfte hinter dem Putsch waren?

Bodenseer: Es hat da sicher den ein oder anderen gegeben. Aber ganz genau wüsste ich es auch gar nicht mehr. Letztendlich ist das aber auch wurscht. Wichtig ist nur die Tat, die gesetzt wurde.

STANDARD: Leitl ist heute in einem ähnlichen Alter wie Maderthaner damals. Muss er sich auch Sorgen machen?

Bodenseer: Es kommt nicht immer auf das genetische Alter an. Leitl ist sicher im Herzen und im Geiste jünger und jugendlicher als an Jahren. Er hat noch großes Potenzial für etliche nützliche Reformen. (Günther Oswald, DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2009)

Zur Person

Jürgen Bodenseer (62) ist Präsident der Wirtschaftskammer Tirol. 1999 war der Tiroler Obmann des Wirtschaftsbundes.

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