Vorwärts in die Fünfziger Jahre

15. Dezember 2009, 16:50
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Eine Kärntner Schule führt die Schuluniform wieder ein - Sinnbild für ein gestriges Bildungssystem

Freilich muss man die Kirche im Dorf und die HTL in Ferlach lassen. Die Republik und das Land Kärnten haben größere Sorgen als jene, ob die Schüler der Höheren Technischen Lehranstalt (HTL) in einem Schulstädtchen nahe Klagenfurt nun Uniformen oder Badehauben tragen. Aber die HTL macht Ernst: Sie sollen Uniformen tragen.

Das haben die Lehrer-, Eltern- und Schülervertreter so gewollt. Und der Direktor ganz vehement auch. So weit, so wurscht? Nicht ganz.

Denn in Österreich wird getuschelt: Ist die Verpflichtung zur Schuluniform nun bevormundend oder hilfreich für die Jugendlichen? Oder gar beides? Warum das so viele Menschen bewegt? Weil die Schuluniform nicht nur ans Schüler-, sondern auch an das jeweilige Menschenbild rührt.

Und da stellt sich die entscheidende Frage: Warum sollen eigentlich Schüler Uniformen tragen? Warum nicht die Lehrer? Auf diese Idee käme in Österreich niemand, denn das Schulsystem gründet immer noch viel zu sehr auf Rangfolgen und Autorität: vorne der Schulmeister, hinten die Zöglinge. "Wie benimmt sich meine Tochter heuer im Unterricht?" - "Ausgezeichnet, fällt überhaupt nicht auf", fasste "Datum"-Kolumnist Nikolaus Glattauer einmal den typischen Elternsprechtag zusammen. Ein System, das auf informelle Hierarchien baut, wird so in einem Stück Stoff manifest gemacht.

So viel zum Grundsätzlichen. Noch besser wäre es, die Schuluniform pragmatisch zu sehen. Fragt man in Wiener Privatschulen nach - wo das Relikt immer noch zur Ausstattung gehört -, tragen viele sogar stolz ihre Uniform und loben das "Gemeinschaftsgefühl". Es wäre anmaßend, diese Stimmen zu belächeln oder zu ignorieren.

Eine Schuluniform macht einen Jugendlichen natürlich nicht per se zum Opportunisten. Genauso wie Kinder, die sich kleiden, wie sie wollen, nicht immer aufgeklärte, kritische Bürger werden.

Gerade die - ganz praktisch gehaltenen - Argumente der Pädagogen in Ferlach sind aber verräterisch. Mit "Marken-Mobbing" wird argumentiert. Wäre es nicht klüger, Schüler so zu erziehen, dass sie einander nicht wegen Lacoste-Krokodilen verspotten? Es gehe auch darum, "dass Mädchen nicht bauchfrei gekleidet sind oder die Brust zu sehen ist", erklärt die zuständige Projektleiterin. Statt Frühlings Erwachen also Frühlings Erschlaffen. Biedere Uniformen sollen dabei helfen.

Und selbst wenn vielen Kärntner Eleven der verordnete Dresscode gefallen sollte, was ist mit der Minderheit? Gelten deren Rechte nur außerhalb von Schulmauern? Wer seine Schüler als mündige Menschen begreift, sollte sie nicht uniformieren. (Lukas Kapeller, derStandard.at, 15.12.2009)

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