Schlafen mit Sisi und Johann

13. Dezember 2009, 19:59
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Fehlt nur noch Rudolf in Mayerling, und die Trinität habsburgischer Pop-Mythen wäre versammelt

Man solle doch die Vergangenheit ruhen lassen, den Blick nach vorne richten, tönt der Tenor ganzer Bevölkerungsschichten, die sich von angeblicher Kollektivschuld genervt sehen. Selbstzufrieden von so viel Einsicht setzt sich Österreichs Otto Normalgeschichtsbewusstsein dann vor den Fernseher, um sich - in der Wiederauflage der heurigen Weihnachtszeit - der Vergangenheitsbewältigung von "Sisi" und "Geliebter Johann Geliebte Anna" hinzugeben. Fehlt nur noch Rudolf in Mayerling, und die Trinität habsburgischer Pop-Mythen wäre versammelt.

Nichts gegen Erzherzog Johann, ohne den die Steiermark noch 100 Jahre als Ziel-1-Gebiet EU-gefördert werden müsste. Nichts gegen Kaiserin Elisabeth, die als It-Girl und Role-Model der Damenschaft von Scheibbs bis Nebraska Trost und Halt gegeben hat. Aber im Aufbau nationaler Mythen auf den prädemokratischen, hohlen Glanz geschichtlicher Geburtselite zurückgreifen zu müssen, ist Eingeständnis von im historischen Ausmaß vorhandener Orientierungslosigkeit. Da hilft es auch nichts, wenn der Mangel in Wir sind Kaiser für Leute, die Ironie verstehen, aufbereitet wird.

In zwei Minuten der angewandten Gesellschaftskritik der Seitenblicke offenbart sich die ganze Dramatik des Verhältnisses der Österreicher zur Landesgeschichte. Wenn Samstagabend darüber getratscht wird, ob man heute noch so lange warten könnte wie der Johann auf seine Anna (Antwort: für einen Erzherzog selbstverständlich schon), schleichen sich die alten Kakanier als vergegenwärtigte Identifikationsfiguren ein, als stünden sie lebendig neben ... äh ... Albert Fortell?

Auch wenn Sisi und Co nur ein gesellschaftliches Vakuum füllen: So wacht Österreich nie aus dem historischen Tiefschlaf auf. (Alois Pumhösel/DER STANDARD; Printausgabe, 14.12.2009)

  • David Rott (Kaiser Franz Joseph) und Cristiana Capotondi (Sisi) sind am Mittwoch im ORF zu sehen.
    foto: orf

    David Rott (Kaiser Franz Joseph) und Cristiana Capotondi (Sisi) sind am Mittwoch im ORF zu sehen.

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