Die Kunst der Rede

11. Dezember 2009, 19:42
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Noch ist fraglich, ob diesem Land nach den rhetorischen Auftritten von Kanzler und Vizekanzler ein Aufblühen der Redekunst bevorsteht

Noch ist fraglich, ob diesem Land nach den rhetorischen Auftritten von Kanzler und Vizekanzler ein Aufblühen der Redekunst bevorsteht. Sollte es aber nicht dazu kommen, dann liegt das nicht an der Presse. Schreiber haben sich der Redner diesmal mit einer Hingabe angenommen, die nicht nur den Inhalten geschuldet war, sondern sich vor allem aus den redetechnischen Anstrengungen der Protagonisten speiste. Im "Profil" schrieb Gernot Bauer, es habe ein Duell ohne Sieger, aber mit zwei Verlierern: Grammatik und Rhetorik gegeben, und untermauerte seine Diagnose auf analytisch-sadistische Weise mit Originalzitaten. Im Umgang mit der Muttersprache fährt vor allem der Kanzler keinen Kuschelkurs, beckmesserte er, räumte als Milderungsgrund allerdings ein, Faymann spricht - immerhin - frei. Eine nicht ungefährliche Konzession, ließe sich das doch dahingehend interpretieren, die freie Rede könnte das Korsett der Grammatik leichter entbehren als die vorgelesene. So etwas sollte man vor österreichischen Abgeordneten nicht einmal andeuten. Die könnten es noch als Ermutigung empfinden, wenn es dann heißt: Vizekanzler Josef Pröll mied in seiner Rede die Mühen der Langstrecke. Er spürt: Kurze Sätze mildern rhetorische Fehleranfälligkeit, vor allem, wenn man sie wie Pröll konsequent vom Blatt abliest.

Bauers Fazit für beide Herren: Es wurde hierzulande schon luzider zur Lage gesprochen. Und: Von einer jährlichen Wiederholung ist abzuraten. Damit provozierte er den Mathematiker Rudolf Taschner in der "Presse" zu Widerspruch. Der sang unter ausdrücklichem Bezug auf Bauer ein Lob der Blässe und meinte zu dessen Tadel, dass die beiden führenden Politiker Österreichs keine rhetorischen Ausnahmentalente darstellten: Es fragt sich, ob dies wirklich so bedauerlich ist.

Taschners diesbezügliche Zweifel wurzeln in der Angst vor schwarzen Magiern, die ihr unleugbar außerordentliches Redetalent dazu nutzten, die ihnen gläubig Lauschenden ins Verderben zu locken. Das erweckt die Fantasie, Faymann und Pröll hätten ihrem Redetalent absichtlich Zügel angelegt, nur um nicht in den Verdacht zu geraten, sie wollten mit Transferkonto und Milliardenfonds gläubig Lauschende ins Verderben locken.

Damit wären sie jedenfalls auf Taschners Linie, der vor Gefahren warnt, die Österreich noch von keiner Koalition drohten: Allzu viel Charisma ist gefährlich. Ihm reicht die Zungenfertigkeit von Kanzler und Vizekanzler bequem, denn Demokratie verlangt nach der entlastenden, nach der programmatischen Rede. Doch zu viel rhetorisches Beiwerk ist gefährlich, da es den Inhalt zu verschleiern droht. Solche Verschleierungsgefahr geht hierzulande eher vom grammatischen Beiwerk aus.

Im "Falter" grantelte Armin Thurnher über das Nachgeseiere in den diversen Printprodukten, dem nachzuseiern er sich angehalten fühlte, um aus geliefertem Anlass einen Blick in seine Kenntnisse der Geschichte der Rhetorik von den alten Griechen bis zu Mahatma Gandhi zu gestatten - ein Ersatzprogramm, denn die Rede des Kanzlers an die Nation ist Geschichte, und ein übler Zufall wollte es, dass ich ihr, anders als der Rede des Vizekanzlers, nicht beiwohnen konnte. So ein Pech aber auch! Man kann sich solche Reden nachher im Livestream ansehen, aber ... es fehlt einem die Präsenz von Eminenzen, Effizienzen und Fulminanzen aller Art.

Das Fehlen insbesondere der Fulminanzen hinderte ihn nicht an einem Urteil. Faymann hat geredet, Pröll hat geredet ... Besonders gut gelungen ist beiden das Vorhaben nicht. Und im Übrigen war er der Meinung, der Mediamil-Komplex muss zerschlagen werden, womit er nicht nur rhetorisch Recht hat.

Wie wäre es Thurnher ergangen, hätte ihn nicht ein übler Zufall von des lebenden Kanzlers Rostrum verbannt und zu Livestream verdammt? Er hätte sich in der mieselsüchtigen Elite befunden, die Anneliese Rohrer - wieder in der "Presse" - vorfand. Viele Mitglieder der angeblichen Elite dieses Landes, die hier in den Festsaal geeilt waren, brachten überraschend wenig Selbstbeherrschung auf - auch angesichts der zahllosen TV- Kameras. In Mimik und Körpersprache verbargen sie gar nicht, wie lästig ihnen die Pflichtübung ihrer eigenen Anwesenheit eigentlich ist. Hunderte Gesichter zeigten: Distanzierter, gelangweilter, mieselsüchtiger geht's nicht mehr.

Man kann eben nicht alles haben. Blässe führt zu Mieselsucht, rhetorisches Beiwerk birgt Gefahr. Die Bibel weiß Rat. Die Rede sei: Ja, ja, nein, nein. Da geht man kein grammatisches Risiko ein.(Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.11.2009)

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