Sie nannten sie Pferd

9. Dezember 2009, 20:10
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Antonio Fians Bühnensketch "Hennir" im Nestroyhof

Wien - Die Uraufführung von Antonio Fians Bühnensketch Hennir (französisch: "wiehern") im Wiener Hamakom-Theater im Nestroyhof enthält den wunderbarsten Auftakt, den sich ein Pferdefreund nur wünschen kann. Eine "Schauspielerin" (Isabel Karajan), die man in ein Aufnahmestudio gepfercht hat, damit sie einem Hörspiel über Troja das entsprechende "tierische" Kolorit verleihe, entlockt ihrer Kehle ein ebenso furchterregendes wie erotisch lockendes Geschnaube. Immer wieder unterbrochen zwar vom Kratzen im Hals - doch technisch unanfechtbar, wie die Arie eines Falsetttenors.

Pferde sind nicht nur die zweitbesten Freunde des Menschen. Sie pflegen sich in langen, geschnaubten Kadenzen über ihre Weltsicht mitzuteilen. Die nämliche Aufgabe fällt auch der "Schauspielerin" zu: Sie wird nicht nur von einem Regie-Autokraten (Stimme: Bruno Ganz) akustisch in Schach gehalten, sondern von einem "taubblinden Stummfilmpianisten" (Gerhard Gruber) wie von einer Beckett-Figur auf kahler, "sachlicher" Bühne (Ursula N. Müller) flankiert.

Karajan blickt mit tragödisch geröteten Wangenknochen ins Off einer eigentlich unhaltbaren Situation. Sie möchte gerne die Penthesilea geben. Das professionelle Gewieher wäre als ihr Eintrittsgeräusch in das Reich der sinnerfüllten Künstlerinnenexistenz gedacht gewesen. Sie umschmeichelt ihren stummen Widerpart - den Keyboard-Spieler - als Anklagemauer: Sie habe in Braunschweig oder Solothurn ihre Brüste entblößen müssen, um wenigstens kleine Rollen abzubekommen.

Jetzt soll das Hörspiel "Troja for Kids" alles wieder gutmachen: Fians leidlich lustige Ein-Personen-Farce gehört in die Reihe der schauspielerischen Selbsterkundungen, in denen sich sonst alternde Männer in gespielten Kantinenwitzen ergehen. Man denke an die entsprechenden Solo-Partituren von Patrick Süßkind oder Tankred Dorst.

Karajan, über deren Wien-Heimkehr man sich maßlos freut, sitzt in Hanspeter Horners Inszenierung leider unrettbar gefangen fest. Sie muss ihre Alltagsbeschwerden (Pinkeln-Müssen) mit tragödischem Eifer thematisieren, um für den wahren Lebensernst gar nicht mehr genug Humor aufzubringen. Vor der Türe draußen warten als Pappkameraden die Irrenhauswärter und -pfleger. Es gehört zur traurigen Geschichte der Moderne, dass die tüchtigsten Pferde in für sie meist ungewinnbare Schlachten geschickt wurden. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.12.2009)

 

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