Zugangsbeschränkungs-Paragraph hilft nicht bei allen Notfällen

7. Dezember 2009, 12:49
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Wo es schon vor dem Ansturm deutscher StudentInnen Platznöte gab, greift die Notlösung nicht

"Derzeit haben wir rund 1000 Studienbeginner bei Architektur, das sprengt unsere Kapazitäten. Für uns ist das ein gravierendes Problem, wir können uns das einfachen nicht leisten", heißt es aus dem Rektorat der TU Wien. Darum überlegt sich die Unileitung einen Antrag auf Zugangsbeschränkungen für Architektur nach dem so genannten Notfallparagrafen zu stellen. Dass noch kein Antrag gestellt wurde und darüber intensiv diskutiert wird, liegt an mehreren Faktoren. Das größte Hindernis ist wohl die Befürchtung, dass auch ein genehmigter Antrag und somit Zugangsbeschränkungen das Problem der Kapazitätsengpässe nicht lösen werden.

Ergebnisoffene Diskussion

Das vorrangige Problem für die Universitäten ist, die Möglichkeit, Zugangsbeschränkungen einzuführen, erst zu bekommen. Dazu müssen alle Universitäten, die den jeweiligen Studiengang anbieten, gemeinsam einen Antrag nach Paragraf 124, Absatz 6 im Universitätsgesetz stellen. Dieser muss dann noch vom Ministerrat bewilligt werden. Bei Architektur müssten also die TU Wien, die TU Graz und die Universität Innsbruck gemeinsam einen Antrag im Wissenschaftsministerium einreichen. Derzeit wird an allen drei Universitäten mit offenem Ergebnis diskutiert, bis Mitte Dezember will man die Beratungen abgeschlossen haben.

Beschränkte Beschränkungen

Das für die Universitäten weitaus größere Problem: Bei einer Genehmigung des Antrags kann die Zahl der Studienplätze laut Gesetz am jeweiligen Standort auf den Durchschnitt der letzten drei Jahre limitiert werden. Die Beschränkung der Studienplätze unterliegt selbst einer Beschränkung. "Für uns ist diese Regelung zu wenig. Wir hatten auch in den letzten drei Jahren schon zu viel Studienanfänger", sagt Werner Sommer, der Pressesprecher des Rektors der TU Wien gegnüber derStandard.at. "Das könnte dazu führen, dass wir uns mit den Aufnahmetest mehr Arbeit aufhalsen und die Kapazitätsprobleme bestehen bleiben", befürchtet Sommer.

Innerhalb der letzten sechs Jahre hat sich die Zahl der Studienanfänger in Architektur an der TU Wien, dem größten Architektur-Studiengang Österreichs, mehr als verdoppelt - beinahe verdreifacht. 2004 haben 366 Personen ein Architekturstudium an der TU Wien begonnen, im Wintersemester 2008/09 waren es 710, derzeit gibt es rund 1000 Studienanfänger. (Anmerkung: Derzeit sind es 870 Studienanfänger, siehe auch der Korrekturhinweis)

Deutsche Studenten entscheidend

Für die Bewilligung des Antrags auf Zugangsbeschränkungen ist laut Universitätsgesetz die "erhöhte Nachfrage ausländischen Staatsangehöriger" entscheidend, durch die "die Studienbedingungen in diesen Studien unvertretbar" werden. Diese Regelung bezieht sich aber laut Wissenschaftsministerium ausschließlich auf deutsche Studierende. "Mit der Zahl deutscher Numerus-Clausus-Flüchtlinge können wir derzeit nicht argumentieren", so Sommer. "Wir rechnen aber mit wesentlich mehr deutschen Studierenden, wenn nächstes Jahr ein Doppeljahrgang Abitur macht."

Alle müssen betroffen sein

Für Graz und Innsbruck liegen Zahlen zum Anteil deutscher Studenten vor: Bei den Studienanfängern in Graz liegt der Anteil deutscher Studenten mit zehn von insgesamt 238 Studierenden bei rund 4,2 Prozent. Innsbruck ist bei den Nachbarn aus Deutschland beliebter. Lag der Anteil deutscher Studierender 2006 auch noch bei rund 4 Prozent, sind in diesem Jahr etwa 15 Prozent der 222 Studienanfänger im Bachelorstudium aus Deutschland. Die Möglichkeit Zugangsbeschränkungen einzuführen wird aber nur dann erteilt, wenn alle Universitäten, die den jeweiligen Studiengang anbieten, von unvertretbaren Bedingungen, verursacht durch deutsche Studierende, betroffen sind. Das führt zur paradoxen Situation, dass gerade die wenigen deutschen Studenten in Graz - ganz unabhänig von den Entscheidungen der Universitäten - dafür sorgen dürften, dass die Kapazitätsprobleme so schnell nicht gelöst werden. (Michael Kremmel, derStandard.at, 07.12.2009)

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