Betroffenheit in islamischen Ländern

30. November 2009, 20:04
108 Postings

Nicht nur muslimische Länder zeigen sich enttäuscht - Appell um Respekt vor unterschiedlichen Kulturen

Die ersten Reaktionen in der islamischen Welt auf das Schweizer Minarettverbot fielen betroffen, aber ruhig aus. Kommentatoren weisen darauf hin, dass es nicht nach dem Willen der Schweizer Regierung gelaufen ist.

***

Kaum waren die ersten Hochrechnungen publik, verbreiteten auch die ersten arabischen Fernsehsender und Internetseiten Eiltmeldungen. Am schnellsten reagierte Al-Jazeera international mit einem ausführlichen Bericht aus Bern, wobei der Korrespondent anführte, die muslimischen Vertreter in der Schweiz hätten eine ausgesprochen moderate Kampagne geführt, ebenso zurückhaltend und gemessen seien ihre Reaktionen. Weiters kam ein Islam-Experte aus Kairo zu Wort, der unterstrich, dass Schweizer Regierung und Parlament sich gegen das Verbot ausgesprochen hätten. In einer direkten Demokratie seien solche Entscheide möglich, führte er weiter aus und rief die betroffenen Muslime auf, sich mit demokratischen Mitteln zu wehren.

Auch andere arabische Fernsehsender gingen ausführlich auf den Schweizer Volksentscheid ein, der Fokus lag dabei vor allem auf den Konsequenzen für die Muslime in der Schweiz und das System der direkten Demokratie und weniger auf einer möglichen internationalen Signalwirkung. Das Minarett-verbot sei kein zentrales Thema des Ritus, es sei vor allem eine Beschneidung der Rechte einer Minderheit, kommentierte ein Vertreter der muslimischen Gemeinschaft in England.

"Das ist ein sehr schlechtes Resultat; ein Zeichen dass die Mehrheit der Schweizer gegen die Muslime ist", meinte Hassan Abou Taleb, Politologe am Al-Ahram-Zentrum für politische und strategische Studien in Kairo im Gespräch. "Die Schweiz hat uns ganz unerwartet eine andere, eine unschöne Seite gezeigt", sagt Abou Taleb, der regelmäßig Analysen für Swissinfo verfasst. In den arabischen und muslimischen Ländern werde es böse Kommentare und Analysen geben, aber keine gewalttätigen Demonstrationen, ist er überzeugt.

"Antiislamischer Trend"

Abou Taleb vergleicht das Minarettverbot mit der Schleierdiskussion in Frankreich und Deutschland und sieht darin einen antiislamischen Trend in den europäischen Ländern, der sich verstärken werde. Das Abstimmungsresultat sei zudem ein negativer Indikator für die Vielfalt in der Schweiz und eine Ohrfeige für all jene, die sich für mehr Kommunikation und Respekt zwischen den Kulturen einsetzen würden.

Die Partei der Muslimbrüder in Jordanien hat das Ja zur Minarett-initiative umgehend als krasse Verletzung der Religionsfreiheit kritisiert. "Wir weisen ein solches Vorgehen zurück, weil es die Muslime in der Ausübung ihrer religiösen Handlungen hindert", erklärte ein Sprecher der Bruderschaft in Amman. Jamil Abu-Bakr wertete den Volksentscheid als Teil der weltweiten Anti-Islam-Kampagne seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und stellte die Frage, ob man sich eine Kirche ohne Glocken vorstellen könne.

Im Vorfeld der Abstimmung hatte die Minarettdiskussion in den arabischen Ländern keine hohen Wellen geschlagen. In den meisten Vorschauen waren die Berichterstatter davon ausgegangen, dass die Schweizer die Initiative ablehnen würden. Entsprechend groß war jetzt die Überraschung. Zum Symbol für die Debatte ist das umstrittene Plakat der Befürworter geworden, das fast immer zur Illustration diente. Ganz unterschiedliche Schwerpunkte wurden gesetzt. Die einen bemerkten, dass die jüdische Gemeinschaft sich gegen die Initiative stark gemacht hatte. Andere wiesen darauf hin, dass der israelische Aktivist Avi Lipkin im Abstimmungskampf aktiv war. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die jordanischen Muslimbrüder - hier auf einem Archivbild nach der Rede von US-Präsident Barack Obama im Juni - meldeten sich bereits zu Wort. Mit weiteren Reaktionen ist zu rechnen.

Share if you care.