Ausweis soll John Demjanjuk überführen

30. November 2009, 19:15
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Prozess gegen 89-jährigen, mutmaßlichen NS-Schergen begann - Das wohl letzte große Holocaust-Verfahren

München/Berlin - Der Angeklagte sitzt unter einer hellblauen Decke. Er hat die Augen geschlossen, den Mund geöffnet, sein Gesicht ist starr. Als John Demjanjuk am Montag in einem Spezialstuhl in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts München geschoben wird, bezweifeln viele der Anwesenden, dass der 89-Jährige überhaupt irgendetwas mitbekommt. Andere wiederum sind sich sicher: Alles nur Show, Demjanjuk weiß genau, worum es geht.

Es ist der vermutlich letzte große Prozess gegen einen mutmaßlichen NS-Verbrecher, und das mediale Interesse ist gewaltig. Demjanjuk hat im Jahr 1943 im Nazi-Vernichtungslager Sobibor Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden geleistet. Er war es, der sie als Wächter in die Gaskammern führte. Das zumindest behauptet die Staatsanwaltschaft und stützt sich dabei hauptsächlich auf ein abgegriffenes kleines Dokument mit der Nummer 1393. Es soll der Dienstausweis des gebürtigen Ukrainers sein. "Abkommandiert am 27. 3. 43" ist darauf handschriftlich vermerkt. "Wir gehen davon aus, dass der Dienstausweis echt ist", sagt Barbara Stockinger, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Jahrelang hat diese sich bemüht, Demjanjuk überhaupt in einen deutschen Gerichtssaal zu bekommen. Der 89-Jährige lebte in den vergangenen Jahren in den USA und weigerte sich, in die Bundesrepublik zu kommen. Erst nach langem juristischem Tauziehen wurde er im Mai 2009 ausgeliefert.

Völlig zu Unrecht, sagt sein Verteidiger, Ulrich Busch. Er weist am ersten Prozesstag darauf hin, dass Demjanjuk "ein Überlebender des Holocaust, nicht aber Täter" sei. Denn als junger Mann habe der Angeklagte lediglich Befehle ausgeführt, um nicht selbst umgebracht zu werden. Busch erinnert auch daran, dass in früheren Verfahren in München Vorgesetzte und Ausbildner Demjanjuks freigesprochen worden seien, und erklärt dann: "Man fragt sich, wie es sein kann, dass der Befehlsgeber unschuldig, der Befehlsempfänger aber schuldig ist?"

Überlebende im Gerichtssaal

Den Vorwurf der Befangenheit weist der leitende Staatsanwalt Joachim Lutz jedoch zurück. Wenn deutsche Gerichte früher anders geurteilt hätten, sei dies noch lange kein Argument für die Gegenwart. Auch Einwände von Demjanjuks Verteidiger, dem alten Mann könne der Prozess aus gesundheitlichen Gründen nicht zugemutet werden, lässt das Gericht nicht gelten. Demjanjuk leidet zwar an Gicht und hat Herzprobleme, ein medizinisches Gutachten attestiert ihm jedoch, geistig "vollständig orientiert" zu sein. Doch auf sein hohes Alter und seinen Gesundheitszustand nimmt man Rücksicht.

Während der 35 Verhandlungstage, die bis Mai 2010 angesetzt sind, wird Demjanjuk vormittags und nachmittags je nur eineinhalb Stunden im Gerichtssaal sein. Im Zuschauerraum sitzen schon am ersten Verhandlungstag einige der wenigen Überlebenden von Sobibor. Einer von ihnen ist der 82-jährige Thomas Blatt, der sagt: "Ein Wachmann in der Todesfabrik war ein Mörder." Und: "Demjanjuk hat sich viele Jahre verstecken können. Nun widerfährt Gerechtigkeit." (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2009)

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    John Demjanjuk wird in den Schwurgerichtssaal des Münchner Landgerichts gebracht. Der 89-Jährige soll 27.900 Juden in Gaskammern getrieben haben.

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