Obama vor schwierigem Auftritt

30. November 2009, 19:09
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Zur Primetime am Abend will US-Präsident Obama heute endlich seine Entscheidung über die Truppenaufstockung in Afghanistan bekanntgeben. Doch gewählt wurde er, damit die Soldaten zurückkommen.

Wenn US-Präsidenten nach West Point fliegen, um eine Rede zu halten, dann ist jedes Mal viel Symbolik im Spiel.

Festungsgleich auf einem Plateau über dem Fluss Hudson gelegen, ist die Akademie so etwas wie der Heilige Gral amerikanischer Militärtradition - 1802 gegründet, also uralt nach den Maßstäben der Neuen Welt. Barack Obama wird lange nachgedacht haben, bevor er die Academy als Kulisse aussuchte, um seine Afghanistan-Strategie zu verkünden. Mit der Wahl West Points will er nach den Worten seiner PR-Experten klarmachen, dass er die "Boys in Uniform" nicht verheizt, sie nicht in einen Sumpf schickt, in dem sie immer tiefer versinken.

Gezielt streut sein Pressestab das Wortpaar von der "exit strategy", einer Strategie, deren geistige Väter genau überlegen, wie sie wieder herauskommen aus dem Konfliktknäuel. In jedem Fall wird es ein rhetorischer Drahtseilakt. Als Antikriegspräsident, wegen seines Neins zum Feldzug im Irak, wurde Obama gewählt. Nun muss er seinen skeptischen Landsleuten erklären, warum er die Präsenz am Hindukusch ausbaut, statt sie zu verringern. Drei Monate ist es her, dass Stanley McChrystal, höchster US-General in Kabul, die Entsendung von 40.000 zusätzlichen Soldaten empfahl. Obama wird wohl unter dieser Zahl bleiben, einen Mittelweg favorisieren. Von 30.000 GIs ist die Rede, womit das Gesamtkontingent auf rund 100.000 Mann anwachsen würde.

Rückhalt schwindet

Doch es ist nicht so sehr die Kontroverse um konkrete Ziffern, die den Hoffnungsträger ins Dilemma stürzt. Sein größtes Problem ist, dass er bei seiner eigenen Hausmacht rapide an Rückhalt verliert. 56 Prozent aller Demokraten und 43 Prozent aller unabhängigen Wähler glauben nicht länger an den Sinn des Krieges; sie wollen die Soldaten heimholen. Dazu muss sich der Präsident Mahnungen aus dem eigenen Lager anhören.

Die afghanische Armee müsse die Hauptlast des Kampfes gegen die Taliban tragen, verlangt Carl Levin, ein alter Hase, der den Streitkräfte-Ausschuss des Senats leitet: "Der Schlüssel zum Erfolg ist eine afghanische Truppenaufstockung, keine amerikanische." Karl Eikenberry, Washingtons Botschafter in Kabul, hält die Regierung Hamid Karsais allerdings für zu korrupt, als dass sie ein seriöser Partner sein könnte. Neue Truppen, warnte der Diplomat in einem der Presse zugespielten Memorandum, würden die Abhängigkeit Karsais von Washington nur noch verstärken. Dass sich Osama Bin Laden wahrscheinlich in Pakistan versteckt und nicht in Afghanistan, schwächt Obamas Argument, wonach der Krieg am Hindukusch die richtige Antwort auf den 9/11-Terror ist, nachdem der im Irak die falsche gewesen war.

30.000 Soldaten mehr kosten noch einmal rund 30 Milliarden Dollar pro Jahr, so schätzt das Weiße Haus. Eine Kriegssteuer zur Finanzierung wie zu Zeiten des Vietnamkriegs soll es nicht geben. Ein zweites Vietnam, beschwichtigt Obamas Sprecher Robert Gibbs, stehe nicht zur Debatte. "Wir sind schon das neunte Jahr in Afghanistan. Weitere acht oder neun Jahre werden wir dort nicht bleiben." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2009)

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    30.000 bis 40.000 US-Soldaten mehr will der amerikanische Präsident nach Afghanistan schicken, um den Kampf gegen die Taliban zu gewinnen. Die Finanzierung ist offen, der Kurs noch unklar.

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