Mit Leidenschaft und Weblog

30. November 2009, 17:28
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Die öffentliche Wahrnehmung des Jüdischen Museums Wien soll national wie international stark zunehmen: Ab Juli 2010 will ORF-Journalistin Danielle Spera ihre Bekanntheit und gute Vernetzung für dieses Ziel nutzen.

Wien - Wien sei leider nicht Berlin. Denn dort gehöre für Touristen der Besuch im Jüdischen Museum fast selbstverständlich dazu. Vizebürgermeisterin Renate Brauner wünscht sich, dass dies in Wien künftig auch so sein wird. Darum soll sich ab Juli 2010 ZiB 1-Moderatorin Danielle Spera kümmern.

Die 52-jährige ORF-Journalistin, Redakteurssprecherin und -rätin, die seit 21 Jahren die Hauptnachrichten moderiert, wurde am Montag - nach langem Gemunkel um ihre Favoritenrolle - ganz offiziell im Palais Eskeles als neue künstlerische Leiterin des Hauses vorgestellt. Wegen der "wichtigen gesellschaftspolitischen Aufgabe des Museums", seiner Mittlerrolle zwischen den Religionen und der besonderen historischen Verantwortung, die das Haus trägt, sei es wichtig, in Wien und international für eine größere Öffentlichkeit des "Schmuckkästchens" zu sorgen. Dies führten Brauner und Kulturstadt Andreas Mailath-Pokorny als relevante Kriterien für die Bestellung an.

Die Zielvorgabe einer besseren öffentlichen Positionierung des Hauses gab also den Ausschlag dafür, dass Spera sich gegenüber dreizehn anderen Bewerbern - darunter Museumsfachleute wie die hauseigene Chefkuratorin Felicitas Heimann-Jelinek oder der Direktor des Jüdischen Museums München, Bernhard Purin - durchsetzte. Ausschreibungskriterien wie jene des "abgeschlossenen einschlägigen Studiums" oder der "langjährigen einschlägigen Erfahrung" wurden nachrangig bewertet.

Kuratieren werde sie zunächst nicht, erklärt Spera, obgleich sie dafür eine Unmenge an Ideen habe. Sie will vor allem dem Team des Hauses den Rücken freihalten, damit dieses seine ausgezeichnete Arbeit fortsetzen kann. Beworben hat sie sich, weil sie die Ausstellungen des Jüdischen Museums von Anfang an "mit großer Begeisterung verfolgt" habe. Leider sei sie bei ihren Besuchen meistens fast allein gewesen. Sie will daher ihre Prominenz und gute Vernetzung mit Künstlern, Museumsdirektoren und jüdischen Gemeinden für das Museum einsetzen. Intensivieren will sie ihre Kontakte in die USA, etwa nach San Francisco, Miami und New York.

Umwerben der Jugend

Spera will das Judentum erlebbar machen, Schwellenängste abbauen, "gendern" . Es gelte besonders die "museumsfernste Generation" - die Jugend - zu umwerben. Oral History soll durch Kooperationen mit dem Film- und dem Ö1-Archiv intensiviert werden. "Mit großer Leidenschaft" will Spera das Museum "zu einem Ort der Begegnung" machen. Und auch ein Weblog will sie verfassen.

Die politischen Reaktionen auf Speras Bestellung sind in Wien durch die Bank positiv und reichen von "eine höchst kompetente Frau" (ÖVP-Wien-Chefin Marek) bis zu "richtige Frau am richtigen Platz" (David Lasar, FPÖ). Von "Chancen für neue Impulse" spricht der Grüne Marco Schreuder, der allerdings im Kulturausschuss bei den Vergabekriterien nachhaken möchte.

ORF-Generaldirektor Wrabetz ließ per Aussendung wissen, dass Speras Weggang "selbstverständlich ein großer Verlust" sei, allerdings kann man sehr "stolz auf die ehrenvolle Berufung" einer Mitarbeiterin sein. Wie sich Speras Ausstieg genau gestalten wird, darüber konnte sowohl Spera ("Ich habe gestern Abend von meiner Bestellung erfahren." ) als auch der ORF noch nichts Konkretes sagen. Spätestens am 30. Juni, je nach vorliegenden Urlaubsansprüchen früher, so ORF-Sprecher Rainer Scheuer. Die Nachfolgedebatte wurde hingegen schon bei Bekanntwerden von Speras Bewerbung vor drei Wochen losgetreten.

"ZiB" -Nachfolge

Am häufigsten fällt der Name Claudia Reiterer. Die Konkret-Moderatorin Reiterer wird immer wieder genannt, wenn es sich um journalistische Aufgaben handelt, zuletzt etwa als Karenzvertretung für Armin Wolf. Den Job bekam Ingrid Thurnher.

Unwahrscheinlich scheint freilich, dass sich Spera für Reiterer starkmachen wird: Das Verhältnis zwischen beiden wird als schwierig eingestuft. Reiterer sei "sicher eine der Möglichkeiten", bestätigt Unternehmenssprecher Pius Strobl. Eine Anfrage des STANDARD bei Reiterer blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Gabi Waldner dürfte trotz kolportierter Reibereien mit Sendungschef Robert Wiesner vorerst beim Report bleiben. Infrage käme auch Birgit Fenderl, die schon als Redakteurin in der ZiB 1 Erfahrungen gesammelt hat. Gute Chan-cen werden ZiBFlash-Moderatorin Christiane Wassertheurer und Thema-Chefin Andrea Puschl eingeräumt. (Anne Katrin Feßler und Doris Priesching, DER STANDARD/Printausgabe, 01.12.2009)

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Danielle Spera wird Direktorin des Jüdischen Museums

  • "Ich freue mich über hochqualifizierte Frauen in einer solchen
Position" : SP-Vizebürgermeisterin Renate Brauner (re.) und die
künftige Direktorin des Jüdischen Museums Danielle Spera.
    foto: newald

    "Ich freue mich über hochqualifizierte Frauen in einer solchen Position" : SP-Vizebürgermeisterin Renate Brauner (re.) und die künftige Direktorin des Jüdischen Museums Danielle Spera.

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