Künstler sein dagegen sehr

30. November 2009, 17:23
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Was ist das eigentlich, ein Künstler? Was bin ich eigentlich als Künstler? Selbstverständnis, Produktion und Irrtum - sieben Positionen junger Kunst über Kunst

Der Künstler: ein Originalgenie. Der Künstler: ein Dienstleister. Der Künstler: ein Malerfürst, auf einem Schloss residierend. Oder ein armer Schlucker, der nicht weiß, woher das Geld für das Achtel Weißen kommen soll, geschweige denn festere Nahrung. Der Künstler: ein Dandy. Das Bild vom Künstler ist traditionell ein - Klischee. An beiden Polen der Vorstellung.

Zwischen weltabgewandtem Hungerkünstler, unheiligem Hofnarr und unikalem Visionär changieren Rolle und Bedeutung des Künstlers schon von Anbeginn an. Was regelmäßig wechselte, waren die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Anforderungen und Vorgaben. Das schönste Bild, das die Gesellschaft sich von Kunst gemacht hat, war und ist der Künstler selbst.

Holger Kube Ventura, der Leiter des Frankfurter Kunstvereins, hat sieben Positionen von Künstlerinnen und Künstlern versammelt, die zwischen 1958 (Andreas Wegner) und 1981 (Manuela Kasemir) geboren sind. Wim Delvoye verbeugt sich ironisch vor Leonardo da Vinci und dessen Konstruktionen. Seine eigenen Modelle (aus lasergeschnittenem Stahl) sind Hybride, Kreuzungen zwischen Dom und Panzer, Kirche und Betonmischer. Er gibt auch falsche Aktien aus für Cloaca Investments Ltd. Und vertreibt dies alles auf einer verspielten Website.

Michael Franz dagegen spielt ironisch mit den Mythen von Genie und Wahnsinn des Kunstmarktes. Sorgsam hat er Jackson-Pollock-Arbeiten und Bilder Mark Rothkos, Ad Reinhardts, Picassos und Gaston Chaissacs kopiert und lässt dabei wesentliche Teile einfach leer. Andreas Wegner geht noch einen Schritt weiter. Er zeigt in seiner im Foyer aufgestellten Installation Le Grand Magasin in heiterer Ernüchterung, was künstlerische Produktion heute bedeuten kann in Konkurrenz zu maschinell und seriell hergestellten Dingen wie Lippenstiften und Schuhlöffeln, Holzmäusen und Vogelhäuschen, Plastikbooten und Herrensandalen. Antwort: nichts. Einfluss des Künstlers: zero.

Ist aber nicht gerade diese Versammlung kunstfreier Produkte Kunst? Wenn alles disponibel ist, weil der Urheber stets ein anonymer ist, verkehrt sich dann alles ins Gegenteil, wenn man all diese Dinge so zusammenstellt, wie es Wegner macht? Auf Manuela Kasemirs Fotografien geht es unspektakulärer zu. Scheinbar. Fallen doch ihre Manipulationen einer bescheidenen Schwarz-Weiß-Welt erst nach längerem auf. Und Marc Aschenbrenner inszeniert in seinen Videos, vor allem in im Abri (2008) das Sichauflösen des Künstlers, etwa in der Rolle eines silbernen Außerirdischen in grotesker Kostümierung mit kreuzsentimentalem Ende.

Im größten Saal darf sich dann der Mittdreißiger Paule Hammer so inszenieren, als wolle er sich nachträglich für Harald-Szeemann-Ausstellungen qualifizieren, etwa für Hang zum Gesamtkunstwerk oder Austria im Rosennetz. Eine Mischung aus computergesteuerter Ambient Music, Malerei, Skulptur, Architektur, Kosmogonie, Politik und Philosophie hat er in den Raum gestemmt. Weltzeigend wie weltumspannend. Eine Enzyklopädie der Vergeblichkeit, sich in der vielstrophigen Internet-Welt einen Reim zu machen auf sich als Künstler. Und seine Rolle. Die vielleicht nur eine Rolle vorwärts ist in die Vergangenheit. (Alexander Kluy aus Frankfurt am Main, DER STANDARD/Printausgabe, 01.12.2009

Bis 17.01.2010

  • Marc Aschen-brenner zelebriert in "Im Abri" aus dem Jahr 2008 die
Verwandlung des Künstlers in einen silberfarbenen Außer-irdischen.
    foto: knut klaßen, galerie olaf stüber, berlin

    Marc Aschen-brenner zelebriert in "Im Abri" aus dem Jahr 2008 die Verwandlung des Künstlers in einen silberfarbenen Außer-irdischen.

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