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Politischer Pathos war seine Sache nicht

30. November 2009, 19:30
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Über einen kürzlichen "Sensationsfund" und Chaplins konsequente Distanz zu Weltanschauungen und regierungsamtlichen Leitlinien

Vor wenigen Wochen ging eine Sensationsmeldung durch die Nachrichtenagenturen: Ein bislang vollkommen unbekannter Film von Charles Chaplin sei gefunden worden, von einem Antiquitätenhändler, der auf eBay eine alte Filmbüchse mit nicht näher aufgeschlüsselten Materialresten ersteigert hätte. Wie es bei derlei Meldungen so ist: Der Umstand, dass es sich, wie erste Prüfungen ergaben, doch um kein authentisches Werk handelt, wurde dann klein gespielt. Dabei wirft der Fund ein bezeichnendes Licht auf eine schillernde und auch erläuternswerte Facette Chaplins, seine politische.

Betitelt ist der sechsminütige Fund mit "Zepped", identifiziert wurde er als britischer Propaganda-Film aus dem Jahr 1916: Deutsche Zeppelins schweben darin drohend über London, und obwohl die daraus abgeworfenen Granaten bezüglich des Verlaufs des 1. Weltkriegs aus technologische Gründen real noch nichts Wesentliches bewirken konnten, galt es, das Publikum auch davon zu überzeugen. Und in die kurze Handlung über das triumphale Zurückschlagen der deutschen Attacke wurde von den bislang nicht identifizierten Regisseuren/Cuttern Szenen eingebaut, die aus von Chaplin 1915 für die Essanay-Studios gedrehten Kurzspielfilmen entnommen wurden, aus "The Tramp" beispielsweise.

Unbeirrbarer Blick von unten

Chaplin selbst allerdings, als einer der medial bekanntesten Briten in den USA, sah sich zu jener Zeit nicht unbeträchtlicher Kritik ausgesetzt, zeigt er sich doch überhaupt nicht willens, in den pathetischen Chor eines Hurra-Patriotismus einzustimmen. Er blieb vielmehr wie selbstverständlich bei einem Pazifismus, wie er etwa auch durch E.M. Forster im Appendix zu seinem Roman "Zimmer mit Aussicht" erläutert wurde: Zu sehr wirkte der 1. Weltkrieg wie ein Match von Adelsfamilien um Kolonialbesitz, als dass sich einfache Untertanen darin allzusehr wiederfinden konnten. Erst nach Eintritt der USA, 1918, steuerte Chaplin auch aktiv etwas bei: "The Bond" hieß ein bewusst abstrakt gehaltener Werbestreifen, der zum Zeichnen von Kriegsanleihen animieren möchte. Deutlicher wurde er parallel dazu in "Shoulder Arms", quasi einem Vorläufer von Stanley Kubricks "Paths of Glory", in dem er den von den europäischen Mächten betriebenen Zermürbungskrieg als jene surreale Grausamkeit darstellte, die er für die einfachen Soldaten in den Schützengräben bedeutete.

Chaplin vergaß nämlich niemals, dass er aus dem bettelarmen Milieu Nord-Londons stammte, als Sohn einer kleinen, in widriger Umgebung agierenden Showbiz-Familie, dessen Vater frühzeitig an der Berufskrankheit Alkoholismus zugrunde ging und dessen Mutter bald langfristig geistig verfiel. Dass er, hätte er nicht dank Mack Sennett in Hollywood Fuß gefasst, wohl in einen dieser Schützengräben gemusst hätte. Aber auch bezüglich der USA zeigte er sich nie willens, diese als jenes Paradies von freien Menschen zu betrachten, wie es die Staatsdoktrin so gerne hätte: Zu nahe blieb er beim Blickwinkel der mittellosen Einwanderer der Zwischenkriegsjahre ("The Immigrant" z.B.); die Unterwerfung des Westens der USA hatte bei ihm nie glorreiche Züge, sein "Gold Rush" in Alaska ist eher als eine Ansammlung von armseligen Desperados geschildert. Und auch in den Chor, dass mit Roosevelts "New Deal" nun alles besser würde, wollte er nicht einstimmen: Mit Arbeiten wie "Modern Times" (1936, auch über die Fremdgesteuertheit von Fabrikarbeit) handelt man sich schnell den hartnäckigen Ruf eines Linken ein.

Symbolische Gefechte

Wie intensiv hat Adolf Hitler "Shoulder Arms" zu intensiv im Kino gesehen? Klar ist jedenfalls, dass ein realer Schützenkriegssoldat den cartoonhaften weltbekannten Bartschnitt eines fiktiven Schützenkriegssoldaten als Markenzeichen adaptierte, als er sich als Messias für Revanche- und Vernichtungsphantasien politisch positionierte. Umgekehrt ist von Chaplin (etwa aus den Memoiren von Luis Bunuel) bekannt, dass er 1934 in New York bei internen Filmvorführungen von NS-Parteitagsfilmen diese in erster Linie nicht als bedrohlich empfinden wollte, sondern als zum Vom-Sessel-Fallen lächerlich.

Die NS-Machthaber jedenfalls sahen im in Deutschland umwerfend beliebten Chaplin eine übergroße, unkontrollierbare Konkurrenz um Popularität und setzten einen symbolischen Vernichtungsakt: als jüdischer Komiker eingestuft, ergo "entartet", ergo auszumerzen. Chaplin, dessen väterliche Vorfahren vermutlich im 16. Jahrhundert aus Frankreich geflohene Hugenotten waren, denen ein Spleen für altbiblische Vornamen eigen war, reagierte mit "The Great Dictator" auf seine Weise: Er schlüpfte also in die Rolle eines jüdischen Kleinbürgers (und WK-1-Veteranen), stellte ihm das nicht allzusehr überzeichnete Faschisten-Ballett gegenüber, um nach einer Identitäts-Vertauschung im Finale quasi als er selbst zu einem großen Versöhnungs-Appell anzuheben. Sein erster Tonfilm war ein großer Publikumserfolg, mehrfach oscarnominiert, im Grunde goldrichtig und doch zugleich schwer daneben, denn, wie auch der oben erwähnte E.M. Forster trocken feststellte, war 1939/40 keine Zeit mehr für Pazifismus.

Offscreen bewies Chaplin hingegen Konsequenz, als er öffentlich für die Unterstützung der alliierten Sowjets eintrat. Prompt hatte er unter den US-Rechtsaußen rund um den paranoiden FBI-Chef Hoover hochkalibrige Gegner, die ihn ausgangs der 1940er Jahre in eine intensive mediale Schlammschlacht um eine vermeintliche kommunistische Gesinnung verwickelten und ihn ab 1952 ins Schweizer Exil nötigten. Chaplin antwortete wiederum auf seine Weise: "A King in New York" (1957) wurde seine Abrechnung mit McCarthys Hexenjagd gegen "unamerikanische Umtriebe", erneut im Gewande einer sanftmütigen Satire.

Grundsätzliche Fehleinschätzungen korrigierte das politisch-kulturelle Establishment der Nachkriegsjahrzehnte nur langsam und widerstrebend. Es musste erst die Jugend rebellieren, bis einem schon sehr alten Herrn gewürdigt wurde: 1972 erhielt er einen Lebenswerk-Oscar, und 1975 dann, zwei Jahre vor seinem Ableben, wurde Charles Chaplin (übrigens schon seit 1921 Offizier der französischen Ehrenlegion) zum Sir, präzise: zum Knight Commander of the British Empire. Erst ziemlich spät kam es also zu einer Rehabilitierung eines lebenslang vertretenen, bescheidenen, aber darin standhaften Humanismus.

Spieldaten der genannte Filme im Rahmen der Retrospektive "Charles Chaplin. Das Gesamtwerk" im Österreichischen Filmmuseum von 2.12.2009 bis 7.1.2010: www.Filmmuseum.at

  • Eine spielerische Fingerübung  namens "The Bond" ...
 
 
 
 
    foto: filmmuseum / roy export s.a.s.

    Eine spielerische Fingerübung  namens "The Bond" ...

     

     

     

     

  • ... und Ernsthaftes zur surrealen Grausamkeit des Weltkriegs: "Shoulder Arms" (beide 1918)
 
 
 
 
    foto: filmmuseum / roy export s.a.s.

    ... und Ernsthaftes zur surrealen Grausamkeit des Weltkriegs: "Shoulder Arms" (beide 1918)

     

     

     

     

  • Soziales Gewissen, in der Wolle gefärbt: Chaplin 1917 als "The Immigrant" 
 
 
 
 

    Soziales Gewissen, in der Wolle gefärbt: Chaplin 1917 als "The Immigrant" 

     

     

     

     

  • Wenig Lust an US-Heroenkult: "The Gold Rush" (1925, Chaplins Tonfassung aus 1942)
 
 
 
 
    foto: filmmuseum / roy export s.a.s.

    Wenig Lust an US-Heroenkult: "The Gold Rush" (1925, Chaplins Tonfassung aus 1942)

     

     

     

     

  • Chaplin in "The Great Dictator" (1940) - hier in einer Freizeitszene.
Spezieller Hinweis auf die die aufsehenerregende Dokumentation The Tramp and the Dictator von Kevin Brownlos und Michael Kloft (2002) über die nicht unbizarren Wechelwirkungen zwischen den Altersgenossen Chaplin und Hitler - gezeigt am Freitag, 4.12., 19:30
 
 
 
 
    foto: filmmuseum / roy export s.a.s.

    Chaplin in "The Great Dictator" (1940) - hier in einer Freizeitszene.

    Spezieller Hinweis auf die die aufsehenerregende Dokumentation The Tramp and the Dictator von Kevin Brownlos und Michael Kloft (2002) über die nicht unbizarren Wechelwirkungen zwischen den Altersgenossen Chaplin und Hitler - gezeigt am Freitag, 4.12., 19:30

     

     

     

     

  • Beklemmungsgefühle: "A King in New York", 1957
 
 
 
 
    foto: filmmuseum / roy export s.a.s.

    Beklemmungsgefühle: "A King in New York", 1957

     

     

     

     

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