Leseabschluss 2009

30. November 2009, 16:10
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Die späteren Früchte sind normalerweise die feineren, meint Willi Bründlmayer

"Im späten Herbst die feinsten Früchte langsam reifen ..."

Seit 1981, dem ersten Jahrgang, für den ich verantwortlich war, wusste ich, dass die späteren Früchte normalerweise die feineren sind.

Trotzdem: jede Ernte, fast jeder Erntetag bringt Zweifel mit sich, ob es nicht doch besser ist, die wertvollen Trauben, die nicht nur ein ganzes Jahr Arbeit darstellen, sondern auch die Vorarbeit der Weingartenanlage und der Pflege, vom 1. bis zum 4. Jahr, dem ersten richtigen Jahr einer Weinernte, früher zu ernten.

Jetzt, wo die letzte Traube eingebracht ist, das Gefühl: schade, es hätte eigentlich noch weitergehen können. Die letzten Trauben werden vielleicht den besten Wein machen, vielleicht auch nicht. Die Gärung birgt viele Überraschungen, zahlreiche Geschmacksstoffe, vor allem die besonders subtilen, sind in der Traube als Präkursoren, Vorläuferstoffe, vorhanden, die erst durch die Gärung und die nachfolgende Lagerung im fertigen Wein Ausdruck finden.

Auf die Frage: „Wie wird der heurige Wein?", weiß ich keine sinnvollere Antwort als : „Ich weiß es nicht, aber es wird ein guter Wein sein und er wird Zeit zur Entwicklung benötigen". Die Trauben sind reichhaltig, vielversprechend, der ganz spezielle, unwiederholbare Charakter des Jahrgangs, der einzelnen Lagen ist jetzt noch im Verborgenen.

Wir ernteten zuletzt auch wieder eine Minimenge Muskateller. Jahrgang 2007 war es eine Spätnovemberlese, 2008 eine Dezemberlese und heuer schaffen wir es wieder punktgenau zum Novemberende. Den ersten 2009er Wein, Grüner Veltliner L+T (leicht & trocken) wird es schon im Dezember geben. Frisch, fruchtbetont, sortentypisch: er ist die Vorhut für eine ganze Kollektion von Weinen, die sukzessive abgefüllt werden.

Wir produzieren ja mindestens 2 Arten von Wein: den täglichen Gebrauchswein, der früh geerntet werden kann, angenehm, frisch und fruchtig, ein willkommener Begleiter des täglichen Lebens. Und dann gibt es noch ein Ziel: Weine zu ernten, die so einmalig, so ergreifend sind wie ein Kunstwerk, kompliziert, überflüssig aber herzergreifend. Weinmachen ist eine Gruppenarbeit: Im Moment haben die Hefen und die Säureabbau-Bakterien das Werk übernommen.

Der Mensch begibt sich zum Leseabschlussessen (und -trinken). Ich habe auch gerade Lust, eine Rieslingvertikale auf die Beine zu stellen und schauen, was uns die vergangenen Jahre so an schönen Sachen gebracht haben.

Ein großes Dankeschön den Lesern des Online Standard für die nette Begleitung des Weinlesetagebuchs, was großen Spaß gemacht hat. (Willi Bründlmayer, derStandard.at 30.11.2009)

  • Die letzten Trauben machen vielleicht den besten Wein
    foto: bründlmayer

    Die letzten Trauben machen vielleicht den besten Wein

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