"Ja oder nein – das wollen wir hören"

    29. November 2009, 18:31
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    Der Japaner Yukiya Amano übernimmt am Dienstag die Führung der Atombehörde

    Wien - Eine halbe Stunde, bevor Yukiya Amano offiziell zum neuen IAEO-Generaldirektor gewählt wird, sitzt er bei der japanischen Delegation in zweiter Reihe und drückt sich einen Kopfhörer ans Ohr. Kurz hört er zu, was vorne gesagt wird, dann steht er auf, duckt sich und geht gebeugt ans hintere Ende des großen Saales, als ob er keinem der vielen Diplomaten die Sicht auf das Podium nehmen wolle. Hinten wählt er nicht die Mitte des breiten Gangs, um die Tür zu erreichen, sondern drückt sich beim Gehen an die Wand, den Blick auf den Boden gerichtet.

    Der Neue, das wird spätestens an diesem Vormittag im September klar, wird es ganz anders machen. Amano ist nicht so laut, nicht so bestimmt und nicht so überzeugend wie sein streitbarer Vorgänger, der Ägypter Mohamed ElBaradei. Er wirkt sanft, unauffällig, wenig charismatisch. Stets sei er ausgesucht höflich, sagen IAEO-Mitarbeiter. Doch so unbestimmt sein Auftreten, so unklar ist, was von ihm als IAEO-Chef zu erwarten ist. "Kann der das?" , fragen sich viele.

    "Ein bisschen mehr Schwarz und Weiß" - das ist es, was die sogenannten westlichen Staaten von ihm wollen, wie einer ihrer Vertreter sagt, der nicht namentlich genannt werden will. Sie haben ihn gegen großen Widerstand durchgesetzt, allen voran die USA. Schaue man sich die ElBaradei-Berichte an, sagt der Diplomat, sei "vieles grau" . "Von Amano wird erwartet, dass er klare Antworten gibt - zum Beispiel auf die Frage, ob der Iran gegen IAEO-Bestimmungen verstoßen hat." Ja oder nein - das wolle man nun hören.

    Das ist es, was Amanos Kritiker befürchten: Dass der Japaner vor allem westliche Interessen vertreten könne. Die IAEO dürfe keinesfalls in den Verdacht geraten, ihre Unabhängigkeit zu verlieren, warnten einige Beobachter. Vor allem wegen des heikelsten aller Dossiers nicht, die Amano ab Dienstag übernimmt: des Atomstreits mit dem Iran.

    Hier ist so schnell keine Lösung in Sicht - ganz im Gegenteil. Die Spannungen steigen, vor allem nach der Resolution, die der Gouverneursrat am Freitag verabschiedet hat. Zehn neue Atomanlagen hat das iranische Fernsehen am Sonntag angekündigt. Der jetzige Parlamentspräsident des Iran, Ali Larijani, hat das Verhalten des IAEO-Rates am Wochenende "eine lächerliche Politik von Zuckerbrot und Peitsche" genannt. Teheran überlegt außerdem, die Zusammenarbeit mit der Behörde auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

    Hinzu kommen eine Reihe anderer offener Baustellen: Syrien, auch Nordkorea könnte wieder ein Thema werden. Die Weiterverbreitung von Atomwaffen ist eine ständige Sorge, etwa wegen der unsicheren Lage in Pakistan, wo Präsident Asif Ali Zardari am Wochenende überraschend seine Position in der Kommandokette der Nuklearstreitkräfte an den Premier abgegeben hat. Die Zahl von Anfragen aus Ländern, die Atomenergie zivil nutzen wollen, wächst.

    "Viel kommt darauf an, welche Entscheidungen er in den ersten Wochen trifft", sagt ein IAEO-Diplomat. Doch Zeit müsse man dem neuen Chef schon geben. "Auch ElBaradei hat sich erst entwickelt." (Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2009)

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      Der frühere IAEO-Botschafter Amano, geboren 1947, vor der Atomenergiebehörde.

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