"Der Balkan raubt uns den Schlaf "

29. November 2009, 18:18
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Andrzej Stasiuk ist in der Gesprächsreihe "Kakanien" zu Gast - Über Möglichkeiten und Irrwege des europäischen Gedankens im Interview

Standard: Belegen die umfangreichen Gedenkfeiern zum Fall des sogenannten "Eisernen Vorhangs" 1989 die endgültige Überwindung einer geschichtlichen Formation? Was verstehen Sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt überhaupt unter einem "Vereinigten Europa"?

Stasiuk: Diese Gedenkfeiern zeugen davon, dass wir Symbole und Festtage brauchen. Das vereinte Europa ist dabei, sich eine eigene Mythologie, einen eigenen Gründungsmythos zu konstruieren. Wir brauchen gemeinsame Festtage, um uns auf den Plätzen versammeln, Feuerwerke abschießen, Reden halten und der Erinnerung frönen zu können. Das ist wichtig für die Gemeinschaft. Gerade für eine so junge, zerbrechliche und nicht selbstverständliche. Doch das ist gerade erst eine Investition. In einigen Jahrzehnten werden wir sehen, wie diese Gemeinschaft dann aussieht. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass die Vereinigung etwas Außergewöhnliches wäre. Für mich war Europa auch vorher schon Europa. Diese Vereinigungslitanei hat viel Heuchlerisches. Mit ihrer Hilfe versucht man zu beweisen, dass das, was vorher war, nicht das wahre, richtige Europa gewesen sei. Das war es aber doch. Der Kommunismus, die Teilung, der Eiserne Vorhang - das sind alles europäische Erfindungen, keine Erfindungen des "barbarischen Ostens". Sie gehören zur Geschichte des Kontinents, und der Westen war nur zu sehr daran beteiligt - und sei es durch Trägheit und Unterlassung.

Deshalb wird für mich die wahre Vereinigung dann eintreten, wenn wir aufhören, zwischen der Geschichte des Ostens und der Geschichte des Westens zu unterscheiden und anfangen, von einer einheitlichen europäischen Geschichte zu sprechen, in der die Erfahrung des Kommunismus eine der gesamten europäischen Gemeinschaft ist. Der Kommunismus als eine Periode. So wie die Gotik, die Renaissance, der Barock. Dazu wird es so bald nicht kommen, wahrscheinlich nie. Mich als Staatsbürger mag das bekümmern, mich als Schriftsteller freut es.

Standard: Ihre Texte enthalten Beschreibungen von Kulturräumen, die dem unmittelbaren Zugriff der Globalisierungsbewegung wie enthoben scheinen. Liegt in dieser Widerständigkeit eine Chance?

Stasiuk: Das ist eine Illusion. Seit der Erfindung des Fernsehens gibt es keine solchen Räume mehr. Ich beschreibe einfach manchmal Gegenden, die etwas abseits liegen. Regionen, die - um es so zu formulieren - Globalisierung nicht produzieren, sondern importieren. Ich finde das interessanter als die Beobachtung der Zentren und Metropolen. Schon allein deshalb, weil der überwiegende Teil der Welt abseits der Zentren und Metropolen liegt. Dort ist es wirklich spannender. Die wichtigen Fragen kommen gerade von dort. Von der Peripherie, die hungrig ist auf den Glanz und den Luxus der Metropolen.

Standard: Sie reisen viel, zum Beispiel in die Länder Südosteuropas. Wie sind die vordringlichsten Eindrücke beschaffen, die Sie vor Ort sammeln?

Stasiuk: Südosteuropa, damit ist der Balkan gemeint, nicht wahr? Nur keine Angst vor diesem Wort. Nun, dort wird ganz einfach das europäische Denken auf die Probe gestellt. Noch ist das Blut nicht getrocknet, keine zweihundert Kilometer von Budapest sieht man Kriegsruinen, stehen Schilder "Vorsicht Minen", in zerstörten Häusern wachsen junge Bäume und bahnen sich den Weg zum Licht. Am Straßenrand schlagen rostende Panzerfahrzeuge Wurzeln.

Man kommt dorthin und fragt sich: Europa oder nicht Europa, Europäer oder Barbaren? 180 Kilometer von Budapest. Gehören sie zu uns oder nicht? Was bedeutet dieses unselige Etikett, Europäer zu sein? Der Balkan raubt uns den Schlaf und stellt auf seine Weise die europäischen Werte infrage, die doch ein für allemal festzustehen schienen. Wegen längst vergangener Vorfälle, wegen nationaler oder auch nur Stammesfehden fackelt man dort das eigene Land, die eigene Heimat ab. Wie sich herausstellt, geht das, und im Grunde ist es ganz einfach. Aber abgesehen davon ist der Balkan einfach wunderschön und anziehend.

Standard: Was verbinden Sie mit einem Begriff wie "Kakanien"? Die Donaumonarchie reichte einmal weit hinein in das - heutige - Polen. War das Habsburgerreich ein "Vielvölkerkerker"? Und drängen sich Ihnen dabei Analogien zur Europäischen Union auf?

Stasiuk: Mir scheint, diese Analogien sind recht oberflächlich. Die Union und das Habsburgerreich sind miteinander nicht zu vergleichende Wesensarten. Die Union, das ist Pragmatismus, Technokratie, ein Kind von Angst und Vernunft. Das Kaiserreich hatte völlig andere Wurzeln. Es war ein metaphysisches Wesen. Der Kaiser übte seine Herrschaft mit göttlichem Mandat aus. Damit ist es vorbei, mit dem Tod der Metaphysik ist auch das Vergangenheit.

Und was den "Vielvölkerkerker" angeht ... Das ist gewiss richtig, für viele war das ein Gefängnis. Aber andererseits, wenn man sich anschaut, was mit der gewonnenen Freiheit angestellt, wozu die errungene Freiheit benutzt wurde ... Keine hundert Jahre sind vergangen und wir sind schon auf der Suche nach einer Art Ersatz, einer Karikatur des Kaiserreichs. Wir sind geneigt, im Namen von Ruhe und Sattheit auf einen Teil der Freiheit zu verzichten. Bald wird sich vielleicht herausstellen, dass die Freiheit eine überschätzte Sache ist.

(Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 29.11.2009)

Zur Person:
Der polnische Erzähler und Essayist Andrzej Stasiuk (49), 1980 zur Armee eingezogen, woraufhin er desertierte und für eineinhalb Jahre im Gefängnis saß, plädiert in seinen Büchern ("Wie ich Schriftsteller wurde", "Der weiße Rabe" u. a.) für einen illusionslosen Blick auf die (post)kommunistische Welt. Seine von Olaf Kühl ins Deutsche übersetzten Werke verbinden den Gestus der Aufsässigkeit mit einem wachen Sensorium für Atmosphäre und Natur. Peter Huemer moderiert das Gespräch im Akademietheater, Montag, 20.00.

  • Andrzej Stasiuk über den Balkan: "Wegen nationaler oder auch nur
Stammesfehden fackelt man dort das eigene Land ab. Wie sich
herausstellt, geht das, und im Grunde ist es ganz einfach."
    foto: interfoto/picturedesk

    Andrzej Stasiuk über den Balkan: "Wegen nationaler oder auch nur Stammesfehden fackelt man dort das eigene Land ab. Wie sich herausstellt, geht das, und im Grunde ist es ganz einfach."

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