Facebook-Spiel "Farmville": Die nächste Pandemie

    28. November 2009, 10:57
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    Süchtige schwören auf das Spielfeld als Spiegel der Persönlichkeit

    Die Welt hat Kühe gebraucht, die Schoko- und Erdbeermilch geben. Das ist jetzt klar, nachdem 68 Millionen "monatlich aktive Nutzer" beim Facebook-Spiel Farmville mitmachen. Denn im Kultivieren der Spaßlandwirtschaft samt Trüffel produzierender Schweine, fiesen Fuchsplagen und adoptierbaren, einsamen schwarzen Kätzchen hat der lang ausgerufene Casual-Spieltrend seine Erfüllung gefunden.

    Hohe soziale Komponente

    Die Zutaten eines der breitenwirksamsten Spielkonzepte sind in etwa: einfache Zugänglichkeit über das beliebteste soziale Netzwerk, der Bauernhof als thematisch barrierefreies Allgemeingut, simple Aufbaustrategie als Spielmechanismus und hohe soziale Komponente, alles umgesetzt in herziger Optik und lieben Ideen wie die der Erdbeermilchkuh. Und gewaltfrei ist es wie nur was. Für Experten, die längst über Kleinigkeiten wie das Optimieren der Eingabe hinweg sind (Avatar einzäunen, um ihn am Herumlaufen zu hindern), hält das Verteilen und Pflegen von Hühnern, Apfelbäumen und Zuckerrohr noch geradezu psychoanalytischen Mehrwert bereit.

    Ordnungsfanatiker

    Süchtige schwören auf das Spielfeld als Spiegel der Persönlichkeit. Da enttarnen sich Ordnungsfanatiker, deren Pferde in militärischen Reihen antreten. Chaos lässt auf ebensolches in der Wohnung schließen. Feng-Shui-Großmeister verströmen Ausgewogenheit in die stillose Nachbarschaft. Und was bedeutet es wohl, wenn ein Labyrinth in der Mitte des Spielfelds steht? Derart intensive Bewirtschaftung der Felder spiegelt die gleichzeitig extensive der Seele und braucht natürlich seine Zeit.

    "Zu zeitintensiv"

    "Ab Stufe 24 habe ich aufgehört. Zu zeitintensiv. Ich habe jedesmal eine halbe Stunde (Arbeitszeit, Anm.) gebraucht, um meine Farm zu betreuen", so das Bekenntnis eines Aussteigers. Und Stufe 24 ist noch nicht einmal sehr weit. Oder, ein anderer schlimmer Fall unter den anonymem Farmoholikern: "Am Schluss habe ich meinen Tagesrhythmus den Erntearbeiten untergeordnet, nicht mehr umgekehrt." Weil die Feldfrucht zeitgerecht eingebracht sein will, bestimmt Farmville nicht nur, dass, sondern auch wann gespielt wird.

    Mikropayments

    Über all das freut sich Entwickler Zynga. Zwar wurden auch schon Betrugsvorwürfe laut, trotzdem scheffelt das kalifornische Unternehmen mit Mikropayments jener, die's mit der bäuerlichen Ausstattung sehr genau nehmen, Millionen. Um bis zu 40 Dollar kann Spielgeld wie Heu erworben werden. Mafia Wars, Zyngas weiteres sehr erfolgreiches Spiel, kommt übrigens nur auf 27 Millionen Nutzer. Im Fall Österreichs ist es klar: Wir sind eben eher Kinder der klein strukturierten Landwirtschaft.(Alois Pumhösel/DER STANDARD, Printausgabe vom 28.11.2009)

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