Last Call for Copenhagen

27. November 2009, 20:04
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Die Weltklimakonferenz ist ein Prüfstein für die internationale Staatengemeinschaft

"Wir müssen die unerbittliche Dringlichkeit des JETZT begreifen." Mit diesem eindringlichen Appell fordern sechzig NobelpreisträgerInnen von den Regierungschefs der Welt ein tragfähiges, effektives und gerechtes Klimaabkommen. Das "JETZT begreifen" bedeutet vor allem zu verstehen, dass jegliches Zuwarten den Klimawandel unumkehrbar schlimmer macht und die Anpassungskosten exponentiell steigen. Ein Fehlschlag von Kopenhagen kommt einer Abstrafung unserer Kinder gleich.

Die Weltklimakonferenz ist daher ein Prüfstein für die internationale Staatengemeinschaft und für die Fähigkeit der Politik, Leadership zu zeigen. Wir müssen rasch genug die Trendumkehr hin zu einer kohlenstoff- und ressourcenärmeren Wirtschaft und Energieversorgung schaffen. Die Staaten und die unterschiedlichen Interessengruppen müssen über den eigenen Tellerrand und den nächsten Wahltermin hinausschauen und die Notwendigkeit dieses Wandels erkennen. Wenn sich die Weltgemeinschaft in Kopenhagen lediglich auf unverbindliche Emissionsziele einigen kann, hat sie sich selbst um die Chance gebracht, rasch die notwendigen Fortschritte in Sachen Klimawandel zu machen. Die Internationale Energieagentur (IEA) warnte vor kurzem davor, dass der weltweite Energieverbrauch und die Energiekosten ohne Klimaabkommen rapide zunehmen und damit die Probleme noch verstärken würden.

Politische Machtspiele sind da wenig hilfreich. Sie zeigen nur, dass wir im Grunde unseres Herzens immer noch glauben, dass wir es uns leisten können, mit dem Klimaschutz zuzuwarten und so weiterzutun wie bisher. Dabei ist das geplante Klimaabkommen ohnedies nur ein erster, aber entscheidender Schritt, den "Turnaround" und damit den Einstieg in eine global nachhaltige Wirtschaftsweise zu schaffen. Es muss uns gelingen, die Zielrichtung unseres Wirtschaftens und unseres persönlichen Lebensstils zu ändern.

Nicht allein das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) - das bloße "immer noch mehr" -, sondern das Wachstum der Lebensqualität - also das "besser" - muss in den Mittelpunkt des politischen Handelns gerückt werden. Zudem muss die eigentliche Arbeit des Klimaschutzes national und regional passieren. Dazu gehört ein Umdenken in unseren Köpfen, zu verstehen, dass "mehr" nicht immer "besser" ist. Dazu gehören wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die nachhaltiges Handeln profitabler und Verstöße dagegen teurer machen. Dazu gehören vor allem aber auch Investitionen in neue Technologien in Sachen Umweltindustrie.

Was aber, wenn das Unternehmen Kopenhagen scheitert? Das ändert nichts an der Verantwortung, den Wandel in Richtung Nachhaltigkeit zu vollziehen. Tun wir das nicht, werden die sozialen Konsequenzen dramatisch sein. Naturkatastrophen, steigende Armut und Millionen von Klimaflüchtlingen mit allen damit verbundenen politischen Konsequenzen wären die Folge des Nichthandelns. Im Appell der NobelpreisträgerInnen heißt es deshalb: "Wir wissen, was zu tun ist. Wir können nicht warten, bis es zu spät ist. Wir können nicht warten, bis verloren geht, was uns am kostbarsten ist." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.11.2009)

Zur Person

Franz Fischler, promovierter Agronom, war Landwirtschaftsminister und EU-Agrarkommissar. Derzeit ist er Präsident des Ökosozialen Forums.

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