Physiker Walter Thirring erhält die "Ehren-Matura"

28. November 2009, 14:46
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Studium und wissenschaftliche Weltkarriere ohne formales Ablegen der Reifeprüfung - Direktor der Neulandschule in Wien-Favoriten organisierte Ehrung besonderer Art

Wien - Ein wirklich nur formaler Nachholbedarf ist nun gedeckt: Der mittlerweile 82-jährige Walter Thirring zählt international zu den bedeutendsten Vertretern der Theoretischen und Mathematischen Physik, war Direktor im europäischen Kernforschungszentrum CERN, arbeitete u.a. an der ETH Zürich und dem Institute of Advanced Study in Princeton (USA), begegnete Erwin Schrödinger, Werner Heisenberg und Albert Einstein. Nur eines fehlte dem hochdekorierten Wiener Wissenschafter: die Matura. Kriegsbedingt hat er ohne Reifeprüfung Physik zu studieren begonnen. Bei einem Absolvententreffen wird ihm nun in der kommenden Woche an der Neulandschule in Wien-Grinzing symbolisch die Matura nachträglich verliehen.

"Doktorate habe ich schon genug, was mir fehlt ist die Matura." Dieser anlässlich einer Ehrendoktorats-Verleihung scherzhaft dahin gesagte Satz Thirrings zu seiner Schwiegertochter war Auslöser der späten Maturafeier, erzählte Thirring. Die Aussage kam dem Direktor der Neulandschule in Wien-Favoriten, Viktor Schmetterer, zu Ohren, der daraufhin ein Absolvententreffen ehemaliger Maturanten (Maturajahrgänge 1942-45) und die Verleihung der "Ehrenmatura" an den Physiker organisierte. Die nunmehrige Verleihung der "Matura honoris causa" sieht Thirring nüchtern, "das bedeutet für mich, dass ich alte Schulfreunde wieder sehe". Doch wie bei einem Ehrendoktorat, "freut man sich, dass seine Arbeit anerkannt wird".

Werdegang

Walter Thirring, am 29. April 1927 in Wien geboren, besuchte das Gymnasium in der Neulandschule in Grinzing, wurde aber 1943, noch keine 16 Jahre alt, als Flak-Helfer eingezogen. Nach dem Kriegsende, das Thirring in einem Lazarett in Tirol erlebte, wollte er keine Zeit verlieren und deshalb an der Uni Innsbruck Physik studieren. In einem Gespräch mit dem damaligen Dekan Arthur March konnte er diesen überzeugen, dass er genügend physikalische Kenntnisse für ein Studium besaß. "Ich hatte mich bei einem dreimonatigen Heimaturlaub durch ein 600-seitiges Buch über theoretische Physik durchgefressen und meine Kenntnisse aufgefrischt", erinnerte sich Thirring, der sicher auch durch seinen Vater Hans geprägt war, der Professor für Theoretische Physik in Wien war und u.a. mit dem von ihm vorhergesagten Lense-Thirring-Effekt international bekannt wurde.

"Ich bin ihm (March, Anm.) bis heute noch dankbar, denn er hat mir vielleicht zwei Jahre erspart, und die hätten mich später zum Beispiel die Bekanntschaft mit Albert Einstein kosten können", schreibt Thirring in seiner Autobiographie "Lust am Forschen" (Seifert Verlag, 2008). 1946 kam er wieder nach Wien zurück und konnte aufgrund seiner Leistungen in Innsbruck nahtlos weiterstudieren. Dass er keine Matura hatte, machte erst wieder zu seiner Promotion 1949 Probleme, als er seine Zeugnisse vorlegen sollte, erinnerte sich der Physiker. Doch der Hinweis eines Mitarbeiters auf eine Sonderbestimmung für die vielen Personen, die wegen der Kriegswirren verhindert waren, die Matura abzulegen, ermöglichte schließlich die Doktorfeier.

Thirring traf im Laufe seiner Karriere mit Erwin Schrödinger am Dublin Institute of Advanced Studies und am Max-Planck-Institut in Göttingen mit Werner Heisenberg zusammen, er arbeitete an der ETH Zürich, der Universität Bern sowie am Institute of Advanced Study in Princeton, wo er Albert Einstein traf. 1959 folgte Thirring dem Ruf an die Lehrkanzel für Theoretische Physik an der Universität Wien, von 1968 bis 1971 war er Direktor der Theorie-Abteilung am CERN, und trug 1993 maßgeblich zur Gründung des Erwin Schrödinger-Instituts für Mathematische Physik (ESI) in Wien bei. (APA/red)

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    Spät aber doch: Walter Thirring hat die Matura.

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