Eine klobige Welt mit zu vielen Opportunisten

27. November 2009, 18:14
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Ödön von Horváths Roman "Jugend ohne Gott" im Josefstadt-Theater

Wien - Ödön von Horváths Roman Jugend ohne Gott (1937) erzählt am Beispiel eines Lehrers und seiner Schulklasse von der allmählichen Durchdringung der Gesellschaft mit faschistischem Gedankengut. Einer der rabiaten Slogans nationalsozialistischer Erziehungspolitik prangte am Donnerstag bei der Uraufführung der Theaterfassung auch mittig auf der großen Stufenbühne des Josefstadt-Theaters: "Wir sind zum Sterben für Deutschland geboren."

Wie groß die Gewaltbereitschaft schon vor dem Krieg war und auf welch fruchtbaren Boden die über Radio verbreitete Propaganda fiel, hat Horváth in seinem Roman subtil, aber klar markiert. Das Buch wurde schnell verboten. Der britische Drehbuchautor Christopher Hampton hat den Roman nun dramatisiert - und dabei die 44 Kapitel in 23 Szenen verwandelt, deren Gewicht auf den Dialogen vor Gericht liegt. Damit verliert der Text an atmosphärischer Substanz, die ihm auch die Regie Torsten Fischers nicht wiederzugeben vermag.

Die Inszenierung benützt den Holzhammer: Dramatische Lichtgebung und Weißschminke untermalen die hetzerische Stimmung der Systemanhänger, die zudem eine harte, auf Konsonanten erpichte Sprache sprechen. Die Projektionen historischer Marsch-Bilder sind dabei der illustrative Tribut an die Geschichte.

Nicht ganz greifbar wird der Weg des Lehrers, der seinen Schülern das eigenständige Denken nahelegt, selbst aber aus Feigheit und Opportunismus daran scheitert: Josefstadt-Neuling Cornelius Obonya gibt ihn als beherzten, die Gefahr witternden Mann. Für die fatalen Folgen seiner Handlungen (er wird am Mord eines Schülers mitschuldig) leistet er sich aber ein nicht nachvollziehbar saloppes Auftreten. Beinahe schalkhaft.

Kaum wahrnehmbar blieb die Musik von Konstantin Wecker; stattdessen erschien zur Premiere eine CD mit "antifaschistischen Liedern" . Sie ist nun exklusiv im Theater erhältlich. Die wuchtig bis unter den Schnürboden aufragende, steil ansteigende Stufenbühne von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos blieb die größte Behauptung des Abends: Auf ihr finden sich nicht nur Schul- oder Anklagebänke wieder, sie ist in ihrer Klobigkeit auch ein Sinnbild für eine verstellte Welt, in der jeder Schritt wohl überlegt sei. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.11.2009)

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