Mein Bäcker ist ein Dichter

27. November 2009, 17:32
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Kleine Fluchten ins Reich der Poesie

Seit ein paar Wochen habe ich meinen Bäcker im Verdacht, dass er in Wahrheit gar kein Bäcker ist, sondern ein Dichter. Ich beobachte ihn beim Einkaufen genau. Er hebt die Salzstangen beidhändig aus dem Gebäckkorb und mustert die Verteilung der Salzkörner auf dem Stangenlaib mit liebevoller Aufmerksamkeit.

Mit einem sanften Seufzer zieht er den Brotgeruch in die Nase ein, mit einem sanften Stupser stupst er die Stange ins Stanitzel. Der Vorgang hat etwas Poetisches, das Kommerzielle des Verkaufsaktes Transzendierendes. Ich glaube, mein Bäcker schreibt, wenn sein Tagwerk getan ist, Gedichte. Balladen vielleicht, oder Sonettkränze über die "déformation professionelle" , welche das Bäckersleben dem Bäcker auferlegt: "Ihm ist, als ob es tausend Laugenweckerln gäbe, und hinter tausend Laugenweckerln keine Welt."

Die Berufswelt ist eine Welt der Zwänge und der Zwecke. Im Reich der Poesie herrscht ein anderes Gesetz: das Gesetz der Freiheit. Nicht nur mein Bäcker-Dichter strebt nach Freiheit. Die FAZ berichtete kürzlich, dass jeder dritte Franzose an einem Roman schreibe oder schon einen geschrieben habe, wenn auch nur für den geduldigsten aller Verleger, die Schreibtischlade.

Mon Dieu, welch wunderschöne Vorstellung! Jeden Abend, wenn die Sonne hinter dem Eiffelturm in der Seine versinkt, sitzen abertausende Franzosen bei Baguette, Camembert und Beaujolais im Bistrot und träumen vor sich hin, ob sie ihren Liebesgeschichten von Jean-Luc, Marianne, Pierre und Suzette nun ein trauriges oder ein heiteres Ende bereiten sollen. Merveilleux!

Natürlich dichten auch die französischen Politiker, was das Zeug hält. Aber nicht nur sie. Donald Rumsfeld, der unvergessene Pentagonchef, verfasste Gedichte, wenn er nicht gerade den Irakkrieg plante. Und nennt nicht der blässliche EU-Präsident Herman Van Rompuy das Haiku-Schreiben sein liebstes Hobby?

Lediglich von Österreichs Regierungsspitze sind keine dichterischen Aktivitäten bekannt. Schade. Einen von Bundeskanzler und Finanzminister gemeinsam verfassten großkoalitionären Doppelroman - Arbeitstitel: Le Rouge et le Noir. Teil zwei - läse jede Österreicherin, jeder Österreicher gerne. Wie wär's, Herr Faymann, Herr Pröll? Einmal keine öden Regierungssitzungen und Pressekonferenzen, stattdessen die ganze literarische Freiheit. Und: Eine wohlwollende Rezension im ALBUM sage ich jetzt schon zu. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.11.2009)

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