"Hirn-Hören" in Salzburg

27. November 2009, 13:59
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Elfte Ausgabe der "Dialoge" widmet sich den Querverbindungen von Musik, Sprache und Gedächtnis

Salzburg - Grenzerfahrungen beim Hören sowie Begegnungen mit musikalischen Virtuosen der Extraklasse - das ist das Konzept der Internationalen Stiftung Mozarteum für die elfte Ausgabe der "Dialoge". Dieses Experimental-Festival steht von 3. bis 6. Dezember 2009 unter dem Motto "Hirn-Hören". An den vier Festival-Tagen sollen die Querverbindungen von Musik zu Sprache und Gedächtnis in wissenschaftlich-biologischen Vorträgen, Filmen und vor allem hochkarätig besetzten Konzerten erlebbar gemacht werden.

Wie schwer hörbar kann Musik sein?

"Es geht nicht um den Intellekt oder gar um Erklärungen zur neuen Musik", so Stephan Pauly, künstlerischer Leiter der Stiftung Mozarteum. "Es geht darum, von der Hirnforschung über das Lernen von Neuem zu lernen. Wir wollen in diesen Dialogen das Klischee von der 'schwer hörbaren neuen Musik' untersuchen. Ist das Hören von neuer, ungewohnter Musik mit dem Lernen einer neuen Sprache vergleichbar? Auf derartige Fragen erhoffen wir uns von der Biologie ein paar Antworten oder zumindest Anregungen. Nicht zuletzt wollen wir wissen, wie belastbar und aufnahmefähig ein Publikum mit noch nicht vertrauten musikalischen Informationen sein kann."

Dafür hat etwa der Komponist Peter Ablinger einen von Schönberg auf Band gesprochenen Brief gesampelt und die Parameter des Textes auf ein Klavier übertragen. Beim Hören dieser Klaviermusik erschließt sich der emotionale Inhalt des Schönbergbriefes. Beim zweiten Hören dieses Musikstückes gibt es den Text in Schriftform zum Mitlesen, und die Verbindung von Sprache und Musik ist hergestellt.

Alvien Lucier wird die eigenen Alpha-Schwingungen (nur im Ruhezustand aktivierbare Gehirnströme, Anm.) live auf Perkussionsinstrumente übertragen. Damit macht der Experimentalmusiker deutlich, wie Schlaf klingt. Um Virtuosität und die Fülle der mit ihr verbundenen Informationen geht es, wenn Martin Grubinger Iannis Xenakis spielt oder der Trompeter Sergei Nakariakov das Stück "Ad absurdum" von Jörg Widmann wiedergibt. "Nakariakov ist einer von höchstens zwei, drei Trompetern auf der Welt, die dieses wahnwitzig-virtuose Trompeten-Stück überhaupt in der Lage sind zu spielen", erläuterte Pauly.

Referate

Das Hagen Quartett mit Janacek, Jordi Savall mit alter Musik aus Europa und dem Orient oder das traditionsreiche und von Georg Friedrich Haas ergänzte "Requiem" von Mozart werden wissenschaftlichen Vorträgen gegenübergestellt. So referieren Andreas Lehmann von der Systematischen Musikwissenschaft der Hochschule Würzburg oder Stefan Koelsch, Psychologe der University of Sussex. Dazu gibt es einen Film über das Leben des legendären Gehirnforschers Eric Kandler und - als Kontrapunkt und Abschluss - die traurig melancholischen Lieder der 19-jährigen Sängerin und Pianistin Anja Plaschg aus der Steiermark in der ARGEkultur.

Das Festival Dialoge hat sich seit 2005 von einem hochriskanten Experiment zu einem avantgardistischen Fixpunkt im Salzburger Konzertleben entwickelt, zu dem mittlerweile an jedem der langen Festival-Wochenenden mehr als 2.000 Besucher kommen, Tendenz steigend. Die ersten zehn Dialoge-Blocks sind jetzt in Buchform ausführlich dokumentiert und im Bärenreiter-Verlag erschienen. In drei Teilen beleuchtet das Buch "Dialoge" die Geschichte des Avantgarde-Festivals in Bildern, allen Programmen, Texten, Künstlerinterviews, Werkregistern und Libretti. Der aufwendig gestaltete Band kostet von einem Sponsor subventionierte 15 Euro und ist ab kommendem Dienstag im Fachhandel erhältlich. (APA)


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