Drüberziehen und gesund bleiben

29. November 2009, 18:15
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Moderne Medizin kann das HI-Virus in Schach halten - Ein Überblick über Herausforderungen in der Prävention, die auch heterosexuelle Frauen erreichen will

Mitte der 80er-Jahre ging ein Schreckgespenst durch die Welt. HIV hieß das bis dahin unbekannte Virus, das Menschen dahinraffte, und die Diagnose kam einem Todesurteil gleich. 20 Jahre später lässt sich der medizinische Fortschritt an den Erfolgen der HIV/Aids-Behandlung messen. "Die als Hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) bezeichnete Kombinationstherapie aus mindestens drei verschiedenen antiretroviralen Medikamenten macht heute bei frühzeitigem Beginn HIV zu einer chronischen Erkrankung", sagt Norbert Vetter, Vorsitzender des HIV/Aids-Ausschusses des Obersten Sanitätsrats. Die Medikamente halten das Virus unter der Nachweisgrenze, und so ist es sogar möglich, dass HIV-infizierte Menschen Kinder zeugen und gebären können, ohne dass das Kind infiziert wird.

Diese gute Nachricht birgt aber eine Gefahr: Sie könnte dazu verleiten, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Insgesamt 505 HIV-Neuinfektionen wurden 2008 in Österreich registriert, zwei Drittel davon Männer. 42 Prozent der Neuinfektionen erfolgten über heterosexuelle Kontakte - zum Vergleich: 1998 waren es 27 Prozent, 28,6 Prozent über homosexuelle Kontakte und 20 Prozent durch Drogenkonsum. Von den heterosexuellen Neuinfektionen waren zwei Drittel Frauen. Durchschnittliches Alter bei Diagnose: zwischen 30 und 50 Jahren bei Männern wie auch bei Frauen, bei den unter 30-Jährigen liegen die Frauen vorn.

Besondere Sorge bereiten den Medizinern die sogenannten "Late Presenters", jene, die ihre Infektion vergleichsweise spät - also lange nach der Infektion - entdecken und bei denen das HI-Virus das Immunsystem bereits schwer geschädigt hat. Das ist bei zirka 50 Prozent der Neuinfizierten der Fall, die einfach nicht wussten, dass sie HIV- positiv sind. "Jeder Mensch sollte deshalb seinen HIV-Status kennen", plädiert Vetter und begrüßt die allerneueste Version des Schnelltests (siehe Artikel unten), der niederschwellig bei Hausärzten angeboten wird. "Etwa 30 Prozent der HIV-Infizierten in Westeuropa und bis zu 70 Prozent in Osteuropa wissen nichts von ihrer Immunschwäche", warnt Vetter.

Immer mehr Frauen

Die Aids-Hilfe Wien hat deshalb besonders die Frauen ab 30 Jahren im Visier, "weil bei Frauen immer noch die Meinung herrscht, dass es sie nicht treffen kann", sagt Isabell Eibl, Leiterin für Prävention in der Aids-Hilfe. Mit dem neuen Projekt "Elternschule" versucht die Aids-Hilfe Mütter und Väter quasi über die erzieherische Aufgabe ihren Kindern gegenüber zu erreichen. Zwar wissen laut Umfragen Jugendliche am besten darüber Bescheid, dass Kondome schützen, ihre Eltern haben dieses Wissen oft weniger präsent. "Frauen, die jahrelang in Beziehungen gelebt haben, haben wenig Erfahrung mit Kondomen. Nach einer Trennung oder Scheidung entdecken aber gerade Frauen ihre Sexualität neu", beobachtet Carmen Harrer, Beraterin der Aidshilfe in Wien, die in den vergangenen Jahren einen Anstieg in der Beratung von Frauen beobachtet hat.

Dass HIV ein Thema gesellschaftlichen Mainstreams geworden wäre, kann Florian Breitenecker von der HIV-Ambulanz am AKH in Wien allerdings nicht bestätigen: "Wir verzeichnen wieder einen Anstieg in der Gruppe der MSM (Men having sex with men), dass weniger Kondome verwendet werden, sehen wir auch durch den Anstieg von Syphilis" und plädiert für gezielte Prävention etwa in Dark-Rooms. Denn vor allem viele Junge, so Breitenecker, hätten selten Bekannte an Aids sterben sehen, erlebten HIV deshalb nicht als tödliches Risiko und unterschätzten das Ansteckungsgefahr. "Dass Kondome schützen, weiß jeder. Es geht heute darum, verstärkt an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen zu appellieren", so die Präventionsexpertin Eibl. Ihr Nachsatz: Übergewichtige wüssten ja auch, was gesunde Ernährung ist, und könnten sich nicht entsprechend verhalten, Kondome und Gesundheit stünden in einem ähnlichen Verhältnis zueinander.

Stark gefährdet

Nach wie vor stark HIV gefährdet sind Drogenkranke, die sich auch über Spritzen anstecken, auch unvorsichtige bisexuelle Männer sind eine potenzielle Gefahr, da sich Frauen leichter und schneller mit dem HI-Virus infizieren.

"Neben MSM sind vor allem Menschen gefährdet, die ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Menschen aus Hochprävalenzländern haben", betont Breitenecker. Unter Hochprävalenzländer fallen all jene Gebiete, in denen die Durchseuchungsrate über einem Prozent liegt, was für viele Länder Afrikas, Russland, die Ukraine, aber auch Thailand oder Haiti gilt und auf der Website der Unaids-Organisation abgerufen werden kann.

"HIV/Aids ist ein Showcase dafür, wie erfolgreich Prävention sein kann", sagt Wolfgang Dür, Leiter der Ludwig Boltzmann Institute für Health Promotion Research und betont, dass auch die Gay-Community einen wesentlichen Anteil an dieser Erfolgsgeschichte hat. Aidsberaterin Harrer: Es geht um persönliches Risikoverhalten, Safer Sex bleibt die wichtigste Botschaft. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 30.11.2009)

  • Aufklärungskampagnen für Kondom-Muffel laufen rund um den Erdball. Safer sex ist ein globales Anliegen.
    foto: standard/matthias cremer

    Aufklärungskampagnen für Kondom-Muffel laufen rund um den Erdball. Safer sex ist ein globales Anliegen.

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