"Der schlimmste Tag des Jahres ist Weihnachten"

27. November 2009, 15:41
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Die Gruft hilft Menschen, die ganz unten angekommen sind wieder auf die Beine - Im Winter wird es besonders eng

"Ich kann mich erinnern, dass es am Anfang Widerstand gegen das Projekt gab", berichtet eine Dame, die seit 1983 in Mariahilf wohnt. Mittlerweile gehört die Gruft zum sechsten Wiener Gemeindebezirk dazu. Die gute Integration der Einrichtung für wohnungslose und sozial schwache Menschen mag auch daran liegen, dass in und um die Gruft strenges Alkoholverbot gilt. Zudem kümmern sich SozialarbeiterInnen und Ehrenamtliche rund um die Uhr um die KlientInnen. "Die Menschen haben viel erlebt, sind traumatisiert und haben teilweise psychische Erkrankungen. Nur eine Wohnung oder ein Zimmer bereit zu stellen, ist oft zu wenig", sagt Sozialarbeiterin Susanne Peter.

Zum Beispiel Herr Josef: Susanne Peter traf den Wohnungslosen auf der Donauinsel. Nachts schlief er in einer Sanitäranlage, tagsüber versteckte er sich. Insgesamt lebte er fünfzehn Jahre auf der Straße. Seine Füße waren offen, durch das jahrelange Schlafen im Sitzen auf dem kalten Fliesenboden hatte er schwere Haltungsschäden. "Ich denke nicht, dass er noch einen Winter überlebt hätte", sagt Peter. Wie kann es dazu kommen, dass in Österreich ein Mensch auf einem WC lebt? Psychische Probleme, der Tod der Bezugsperson, Delogierung, Obdachlosigkeit - ein Teufelskreis. Herr Josef ernährte sich von dem Müll auf der Donauinsel. Peter brachte ihm ein Essen, einen Tee und einen Pensionsantrag. "Ich mache den Job jetzt seit 23 Jahren, aber habe noch nie jemanden mit so viel Heißhunger und Freude essen gesehen", erzählt sie. Mittlerweile lebt Herr Josef in einem Notquartier.

Es sind aber auch Menschen mit weniger dramatischen Schicksalen, die auf die Hilfe der Gruft angewiesen sind. Rund ein Drittel der Gruft-KlientInnen hat ein Dach über dem Kopf, schätzt die Leiterin Martina Pint. Für eine warme Mahlzeit reicht das Geld nicht. Um 12:45 Uhr wird täglich kostenlos Mittagessen verteilt, um 19 Uhr ein Abendessen. "Wir können beobachten, dass die Armut größer wird. Im Vorjahr wurden 82.000 Teller ausgeteilt, vor zehn Jahren waren es noch knapp 56.000", sagt Peter. Dreimal in der Woche wird Bekleidung verteilt. Außerdem besteht die Möglichkeit sich zu duschen und die Wäsche zu waschen. Regelmäßig kommen ehrenamtliche FriseurInnen vorbei. "Sauber und frisch traut man sich eher wieder auf Ämter und in ein Krankenhaus", meint die Sozialarbeiterin.

Fussball-Team

Kulturelle Aktivitäten wir Töpfern oder das Fussballteam, das es seit 1994 gibt, geben wieder Fixpunkte und Motivation im Leben regelmäßiger KlientInnen. Der jüngste Spieler ist 24 Jahre alt, der älteste 66. Auch Weihnachten wird gemeinsam gefeiert, die Gruft versucht Halt zu geben. "Weihnachten ist der schlimmste Tag des Jahres", sagt Peter. Gute und schlechte Erinnerungen an Familien sind besonders präsent. Daher sind in diesem Jahr zwei Psychotherapeuten im Einsatz. 

Hintergrund

Die Gruft entstand 1986 durch eine Aktion von 16-jährigen SchülerInnen des Amerlinggymnasiums. Zu Beginn wurden zwei Stunden pro Tag Schmalzbrote und Tee verteilt. "Wir hatten Anfangs ja keine Ahnung, worauf wir uns einlassen", gibt Peter zu. Die Nachfrage war enorm. Bald wurde das Angebot ausgebaut, ab 1994 wurde mit Unterstützung der Stadt Wien der Betrieb auf 24 Stunden erweitert. Seit fünfzehn Jahren sind auch SozialarbeiterInnen dreimal wöchentlich mit ehrenamtlichen MitarbeiterInnen am Abend und in der Nacht in Wien unterwegs. 2008 wurden 1300 Menschen sozialarbeiterisch betreut. Seit 1996 ist die Gruft eine Einrichtung der Caritas.

"Wir schlichten schon"

Zur Zeit ist viel los in der Gruft. Um 22 Uhr werden Schaumstoffmatten und Überzüge verteilt. Das Besondere ist, dass Männer und Frauen nicht getrennt werden. Das bietet Paaren die Möglichkeit, zusammen zu bleiben. Platz ist für 120 Personen, im Winter wird er knapp. "Wir schlichten schon", beschreibt Peter die Situation. Insgesamt haben im vergangenen Jahr 24.038 Personen dort genächtigt. (Julia Schilly, derStandard.at, 27. November 2009)

Termin

19.00 Uhr Lesung und Vernissage mit Barbara Stöckl

Präsentiert werden Bilder und Texte von wohnungslosen Menschen, die im Projekt "Kulturelles Lernen mit Obdachlosen" der Volkshochschule Wien West & der MA 13 Datum entstanden sind.

Caritas-Betreuungszentrum Gruft Barnabitengasse 14, 1060 Wien

Die Gruft ist auf Spenden angewiesen

Sachspenden können direkt in der Gruft in der Barnabitengasse abgegeben werden. Im Moment werden besonders Decken, Taschentücher und Unterwäsche benötigt.

Spendenkonto

Caritas-Spendenkonto
RZB 40 40 50 050
BLZ 31 000
Kennwort: "Winterpaket"

www.gruft.at

  • Sozialarbeiterin Susanne Peter mit einem Klienten auf der Donauinsel
    foto: caritas

    Sozialarbeiterin Susanne Peter mit einem Klienten auf der Donauinsel

  • Waschen, Rasieren und frische Bekleidung geben wieder Selbstvertrauen
    foto: aleksandra pawloff

    Waschen, Rasieren und frische Bekleidung geben wieder Selbstvertrauen

  • Die Armut steigt: Immer mehr Menschen, die nicht wohnungslos sind, müssen das Angebot der Gruft in Anspruch nehmen
    foto: gödele

    Die Armut steigt: Immer mehr Menschen, die nicht wohnungslos sind, müssen das Angebot der Gruft in Anspruch nehmen

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