Die Revolution des Gepäcktransports

29. November 2009, 16:45
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Früher war es nicht einfach, Gegenstände am Fahrrad zu transportieren. Jetzt gibt es eine neue Gepäckkiste, die eigentlich was für meine Oma wäre

Meine Oma war eine knochenharte Frau. Einmal in der Woche machte sie sich auf den Weg zum Konsum und spannte vier Plastiksackerl auf den Packlträger ihres Waffenrades. Nach dem Einkaufen versuchte sie, alle Trümmer so in den vier Sackerln zu verteilen, dass die beiden, die sie aufs linke Lenkerende hängte, in etwa gleich schwer waren, wie die beiden, die am rechten Lenkerende heimfuhren. Am Packlträger hatte sie noch ein paar Erdäpfel angetackert, und egal, wie oft ihr das Radl beim Beladen schon umgefallen ist, machte sie sich über die Bundesstraße auf den Weg nach Hause.

Das Mittagessen
Den linken Fuß stellte sie auf das linke Pedal, mit dem rechten Bein tauchte sie an. Durch die drehmomentstarke, einseitige Beschleunigung kam die Fuhr immer ein bisserl ins Schlingern. Zudem tauchten dann die Plastiksackerl ungleich an. Und dann zitterte das Radl oft so, dass sie es bis daheim nie schaffte, ihren Hintern auf den Sattel zu heben und nach Hause zu radeln. Statt dessen hat sie mit dem Waffenrad eine Art ersten Roller erfunden. Erstaunlich war, dass sie ob der Beladung - meine Oma kaufte schon damals nur Vollwertmehl, Bio-Feigen-Kaffee und Naturreis, der sich die Ein-Kilopackung mit 500 Gramm Steinen teilte - so selten stürzte. Da gab eher eines der Plastiksackerl seinen Geist auf und knallte samt Inhalt zu Boden. Das war aber kein Problem. Das Gemenge aus Vollkorn, Vollwert und einem Packerl Biomilch wärmte sie dann daheim einfach auf und setzte es meinem Opa als Mittagessen vor, wenn ich mich recht erinnere.

Die Biomilch musste die Oma übrigens immer deshalb beim Konsum mitnehmen, weil der Opa, statt die Milch beim Bauern zu holen, wie sie es ihm aufgetragen hatte, regelmäßig den alten Anhänger an sein Waffenrad band und mit dem Fuhrwerk dann statt zum Bauern in die Stadt zum Getränkemarkt fuhr und sich dort eine Kiste Bier holte - und natürlich einen Sack Hasenfutter beim Lagerhaus. Kam er am Heimweg doch noch bei einem Bauern vorbei, war es bestimmt kein Milch-, sondern eher ein Weinbauer. Obwohl, der Opa trank nicht viel. Die Oma wollte das nicht. Sein Bier hortete er hinten im kleinen Stall, wo er auch das Kaninchenfutter aufbewahrte. Das kalte Bier im Keller war nur für die Gäste. Da hatte die Oma ein Auge drauf.

Kurti Elsasser
Auch die Nachbarin von der Oma erledigte all ihre Wege mit dem Fahrrad. Aber ich meine nicht die Mutter vom Kurti Elsasser, sondern auf der anderen Seite die Frau Kroisner. Die fuhr immer mit dem Dreigang-Rad zum Einkaufen. Vorne, am Lenker montiert, hatte sie ein Drahtkörberl, in das sie vom Katzenfutter bis zum Pitralon alles rein legte, was nicht zu sperrig war. Das Klopapier band sie mit den Sicherheitsgurten in den Kindersitz, der am Gepäckträger montiert war.

Viel hat sich bis heute an der Geschichte nicht geändert. Die Oma fährt halt nimmer zum Konsum, statt der Plastiksackerl hat sie jetzt ganz ausgewaschene Stoffbeutel, und der Opa ist froh, wenn ihm einer seiner Söhne das Bier mit dem Auto holt und in der Nacht im Hasenstall versteckt. Seit der alte Kroisner tot ist, führt die Frau Kroisner deutlich seltener Klopapier nach Hause. Was sie immer noch mit dem Pitralon macht, weiß ich nicht und ist ja auch nicht wichtig. Genauso wenig wie, dass sie immer noch das Kindersitzerl montiert hat, obwohl ihr Enkel schon einen Führerschein hat. Entscheidend ist, dass sich an der Art, wie die Menschen in dem kleinen Ort Sachen spazieren führen nicht viel geändert hat.

Die Alternative
Gestern sah ich in Wien einen Radlständer, der mich an diese Radgeschichten meiner Heimat erinnert hat. Vor einem der nach außen verspiegelten Casinos, die dort eingekehrt sind, wo früher einmal kleine Geschäfte oder noch eines der alten, verrauchten Kaffeehäuser waren, waren gleich mehrere gepäckgepimpte Fahrräder festgemacht. Die Steige ist einfach mit einer Plastikschnur an den Gepäckträger gebunden. Normalerweise sehe ich mit solchen Rädern die Prospektausträger spazieren gehen, aber eigentlich würde man in eines der Kisterl auch den spärlichen Wocheneinkauf meiner Oma bringen, der ihr dann nicht den Lenker aus der Hand schlagen würde. Oder man könnte ein paar Sechsertragerl Bier unter dem Hasenfutter verstecken und sicher heimbringen. Oder man könnte, wenn man die Klopapiersammlung quer drüber legt, das Pitralon sicher heimgondeln. Kurz hab ich überlegt, ob ich meinen Großeltern so eine Kiste mitnehmen soll - aber die Oma gewöhnt sich eh so schwer um, und der Opa würd sicher ins Stammeln kommen, wenn er drauf kommt, dass ich von seinem Bierlager weiß. (Guido Gluschitsch)

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    foto: www.gluschitsch.com
  • Weder Oma noch Opa hätten wirklich eine Freud' mit so einer Plastiksteige fürs Fahrrad.
    foto: www.gluschitsch.com

    Weder Oma noch Opa hätten wirklich eine Freud' mit so einer Plastiksteige fürs Fahrrad.

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