Wenn das Klischee die Wahrheit ist

2. April 2003, 09:55
6 Postings

Dass es ihn wirklich gibt, den viel zitierten "kleinen Mann" war immer unbestritten. Dass er aber ziemlich genau so ist, wie man gemeinhin glaubt, dass er ist, ist neu.

Wien - Er kann sich ja nicht wehren. Das liegt in seiner Natur. Er ist nämlich ein Opfer. Erstens ganz allgemein per definitionem und zweitens - im Besonderen - auch per Eigendefinition. (Aber hier führt das - noch - ein bisserl zu weit.)

Bleiben wir zunächst bei der Wehrlosigkeit. Die ist nämlich Wesensmerkmal. Schließlich würde es sich kein anderer gefallen lassen, von Politikern jeglicher Couleur dermaßen oft in den Mund genommen, wiedergekäut und ausgespien zu werden - nur um dann zu Fußabtreter, Melkkuh und "Lästling" zu werden: Wäre der kleine Mann nicht der kleine Mann, ließe er sich das nie gefallen.

"Mensch auf der Straße"

Auch dann nicht, wenn die Politik ihn - quotensprechtechnisch korrekt - als kleiner Mann und Kleine Frau oder - platzsparend neutral - als "die Menschen auf der Straße" etikettiert. Nur: Wer ist das überhaupt, der kleine Mann?

Diese Frage hat sich Andreas Kreuzer wohl nicht als Erster gestellt. Aber weil er von Beruf Marktanalytiker bei Kreutzer Fischer & Partner ist, "gönnt" er es sich immer wie der, Klischees auf ihre Substanz hin abzuklopfen. Und siehe da: Grosso modo dürfte der kleine Mann (die kleine Frau) so sein, wie man ihn - und er sich selbst - sieht.

Ein Opfer. Ein Benachteiligter. Ein zu kurz Gekommener. Einer, der kaum gewinnen wird, aber umso mehr Angst vorm Verlieren hat. 43 Prozent der Österreicher fühlen sich dieser Gruppe zugehörig.

Unter 1500 Euro

Und neun von zehn Befragten (Samplegröße: 447 Personen) setzen den kleinen Mann finanziell unter einem Monatsnettoeinkommen von 1500 Euro an - nach Angaben der Statistik Austria eine Schwelle, die 90 Prozent der Arbeiter und 60 Prozent der Angestellten tatsächlich nicht überschreiten. Auch in Kreutzers Umfrage sind es vor allem Pensionisten, Alleinerziehende, einfache Angestellte und Arbeiter, die als "kleine Leute" gesehen werden.

Dem Klischeebild entsprechen auch die Interessen: Zuschau-Sport ist spannend, Kultur ganz generell "bäh". Dass Wirtschaft als interessant gilt, führt Kreutzer weniger auf Shareholderambitionen als auf Angst um den Job zurück.

Wie er aussieht

Politisch ist der kleine Mann bei SPÖ (45 Prozent) und FPÖ (20 Prozent) daheim. Allerdings, so der Analytiker, lebten vor allem ÖGB und SPÖ "immer noch" in der Annahme, ihre Klientel säße in Fabriken und nicht in Klein- und Mittelbetrieben: "Das Opfergefühl macht den kleinen Mann zur Zielgruppe für populistische Parteien. Jörg Haider braucht nur ein, zwei Jahre zu warten."

Wie der kleine Mann aussieht, hat nicht Kreutzer, sondern die Statistik Austria erhoben: Der Durchschnittsösterreicher ist derzeit 72,3 Kilo schwer (Männer: 79,9, Frauen: 65,5 kg), 39,9 Jahre alt (Männer: 38,1, Frauen: 31,5) und 1,69 Meter groß (Männer: 1,76, Frauen: 1,64). Die erste Ehe hält 9,4 Jahre, und gestorben wird mit 75,4 (Männer) respektive 81,2 (Frauen) Jahren. Allerdings als "scheene", nicht "klane" Leich'. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.