Korrespondentin Åsne Seierstad im STANDARD- Interview: "Die Iraker sind ihre eigenen Zensoren"

7. April 2003, 11:23
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Über die Zwänge bei der Berichterstattung

STANDARD-Korrespondentin Åsne Seierstad berichtet seit Wochen aus dem Irak - Im Gespräch mit Alexandra Föderl-Schmid schildert die Norwegerin die Zwänge bei der Berichterstattung.

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STANDARD: Wie sind Ihre Arbeitsbedingungen?

Seierstad: Sehr schwierig. Die Kommunikation ist kompliziert. Es ist uns nur gestattet, unsere Satellitentelefone in bestimmten Bereichen der Stadt zu verwenden. Außerdem sind die Iraker eingeschüchtert, und es ist schwierig, manchmal sogar unmöglich, ehrliche Antworten zu bekommen.

STANDARD: Können Sie sich frei bewegen?

Seierstad: Nein. Wir haben immer einen Begleiter der Regierung an unserer Seite. Es hängt also von dieser Person ab, ob er oder sie kooperativ ist. Die offiziellen Regeln besagen, dass wir uns nur in Bussen auf organisierten Touren durch die Stadt bewegen dürfen. Ich versuche immer wieder auszubrechen und meine eigenen Wege zu gehen. Denn es ist oft unmöglich, eine Geschichte zu verfolgen, wenn man nur an den offiziellen Bustouren teilnimmt. Ich habe aber einen sehr netten Begleiter und Übersetzer, der mich herumführt, sodass ich auch zu Menschen auf der Straße sprechen kann. Aber die meisten Iraker sind ohnehin ihre eigenen Zensoren.

STANDARD: Wie sieht die offizielle Zensur aus?

Seierstad: Ich habe das so noch nicht erlebt. Es scheint so, dass man meine Reportagen nicht liest. Aber die Kollegen der internationalen TV-Sender haben einen Zensor an ihrer Seite, wenn sie ihre Geschichten durchgeben. So ist es ihnen beispielsweise nicht erlaubt zu sagen, welche Ziele genau getroffen wurden. Es macht auf mich den Eindruck, als ob man nicht die Kapazität hat, wirklich alle Journalisten, auch jene von kleineren Zeitungen und Fernsehstationen, genau zu kontrollieren.

STANDARD: Gibt es irgendeine Art von Zwang der irakischen Stellen, verletzte Iraker zu zeigen oder Krankenhäuser zu besuchen?

Seierstad: Nein. Alle unsere Recherchen machen wir freiwillig in diesem Krieg. Die Iraker organisieren zwar Bustouren zu Krankenhäusern, aber nicht jeder Journalist nimmt an diesen Touren teil. Zum Beispiel die Geschichte, als eine Rakete auf einem Marktplatz einschlug: Ich ging zum Markt und dann auf eigene Faust zum nahe gelegenen Krankenhaus. Die Zahl der zivilen Opfer dürfte viel in diesem Krieg entscheiden. Mit jedem Iraker, der tot ist, wächst der Ärger und auch die Gegnerschaft zu den USA. Es scheint, als ob die Menschen in Bagdad sehr viel Stolz haben. Sie wollen keine amerikanische Invasion.

STANDARD: Können Sie unabhängige Quellen befragen?

Seierstad: Wir versuchen das, so weit wir das können. Aber es gibt hier eine sehr kontrollierte Gesellschaft, sodass wir unsere Augen und Ohren benutzen müssen, so gut wir können. Wir müssen versuchen, uns dann ein Urteil zu bilden. Und ich muss immer meine Quellen bedeckt halten, immer.

STANDARD: Wie ist die Versorgung mit Essen, Wasser, Strom und Medizin?

Seierstad: Im Moment ist die Versorgungslage in Bagdad in Ordnung. Die Menschen haben vor kurzem für mehrere Monate Rationen bekommen. Einige Geschäfte sind geöffnet. Die Versorgung mit Elektrizität, Wasser funktioniert bisher, auch die Telefone. Auch die Krankenhäuser haben bis jetzt genügend Kapazitäten, um sich der Verletzten anzunehmen. Aber wenn der Krieg länger andauert, wie es den Anschein hat, dann könnte das zu einer humanitären Katastrophe führen. Es gibt schon Engpässe bei Schmerz-und Narkosemitteln. (DER STANDARD, Printausgabe vom 1.4.2003)

  • Die Journalistin Åsne Seierstad berichtet zurzeit aus Bagdad
    foto: standard/bendiksby, terje

    Die Journalistin Åsne Seierstad berichtet zurzeit aus Bagdad

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