BritInnen schwören wieder auf Gin

26. November 2009, 19:47
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Wodka, Alkopops und Billigbier zum Trotz erlebt auf den britischen Inseln derzeit der Gin eine Renaissance

Desmond Payne ist vergnügt. Fast sein ganzes Berufsleben hat der elegante grauhaarige Herr dem Schnapsbrennen gewidmet. Lange schien sein Produkt aus Agraralkohol und Wacholderbeeren, aus Koriander, Mandeln, Zitronen- und Orangenschalen auf dem Rückzug zu sein, "da war der Wodka sexier". Aber jetzt hat Payne (61) Oberwasser: "Gin ist wieder in."

Natürlich nicht irgendein Gin, Gott bewahre. Mit echt englischem Understatement schafft es der gebürtige Ire, Unterschiede zu machen zwischen Alltagsschnaps und seinem Londoner Produkt: Die Beefeater-Destillerie liegt in Sichtweite vom Big Ben im Südlondoner Stadtteil Kennington. 21,6 Millionen Liter pro Jahr, Tendenz steigend, werden dort produziert. Trotz aller Alkopops und Billigbiere: Britischer Gin erlebt eine Renaissance und, begünstigt vom niedrigen Pfund-Kurs, auch einen Export-Boom.

Wenn es nach Desmond Payne ginge, würde die EU in Brüssel nicht nur den Mindest-Alkoholgehalt von Gin (37,5 Prozent) festlegen, sondern dem Produkt auch ein geografisches Copyright anheften. Wie Parma-Schinken, Champagner oder dem Genever-Schnaps aus den Niederlanden, auf den das englische Produkt zurückgeht. Es waren Soldaten und Seeleute von der Insel, die im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) Bekanntschaft mit dem hochprozentigen Wacholderschnaps machten.

In der schon damals riesigen Stadt London war sauberes Wasser rar und Bier teuer. So avancierte der Schnaps vom Kontinent bald zum Getränk der Slumbewohner, der Suff griff unaufhaltsam um sich. Laut einer Erhebung von 1740 wurden in London 50 Millionen Liter pro Jahr destilliert, 63 Liter pro erwachsenem Hauptstadtbewohner. Das Gin-Gesetz von 1736 führte zu Protesten, die alkoholisierten Londoner skandierten "No Gin, no King". König Georg II. trat eilig den Rückzug an.

Erst Jahre später endete der kollektive Rausch, der den Maler William Hogarth (1697-1764) zu seinem berühmten Bild Gin Lane inspirierte. Die Darstellung geht auf einen berühmten Fall zurück: Eine junge Frau erwürgte ihre zweijährige Tochter, um deren geschenkte Kleider für Gin zu verhökern. Auf Hogarths Zeichnung Beer Street geht es hingegen zivilisiert zu - "verantwortungsvolles Trinken" würde man jetzt sagen.

Heute trinken die wenigsten Fans ihr Lieblingsgetränk pur. "Gin ist einer der vielseitigsten Drinks", schwärmt Payne. Da wäre die Vermählung mit Tonic-Water zum legendären G&T. Oder die Kreuzung von Gin und Vermouth zum Martini. Chefbrenner Payne erhält dieser Tage einen Preis für seine Kreation "Beefeater 24", die auch grünen Tee aus China enthält. "Ich habe 40 Jahre geübt, ehe ich mich an meinen eigenen Gin wagte", scherzt Payne. "Jetzt habe ich mir einen Drink verdient." (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 27. November 2009)

  • "Gin Lane": Sucht und Elend durch exzessives Gintrinken, wie Maler William Hogarth es sah
    foto: public domain - gemeinfrei

    "Gin Lane": Sucht und Elend durch exzessives Gintrinken, wie Maler William Hogarth es sah

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