Simulierte Serenissima

26. November 2009, 18:33
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Venedig ist die globalste aller Städtemarken. Touristen- und Migrationsströme bestimmen den Rhythmus in der Lagune. Die Ausstellung "Migropolis" analysiert, was das für das Leben und Überleben des Ortes bedeutet

Dass die Biennale ihre Zelte abgebrochen hat, ist noch lange kein Grund, Venedig den Rücken zu kehren. Im Gegenteil, nun ist noch Zeit für eine kompakte, feine Ausstellung etwas abseits und doch mitten in jenem Trubel, den zu dechiffrieren sie sich vorgenommen hat: "Migropolis - Atlas einer globalen Situation" heißt sie, und sie regt die Besucher dazu an, die Lagunenstadt neu zu lesen.

Am Rand der Piazza San Marco hat die Fondazione Bevilacqua La Masa ihre Räume, ein idealer Platz für das Vorhaben, die beiden großen Bevölkerungsströme darzustellen, die sich gerade hier exemplarisch kreuzen: Touristen und Migranten. Fotos nähern sich sukzessive dem komplexen Phänomen an. Von einer Satellitenaufnahme der außergewöhnlichen Lage Venedigs führen sie bis zu einem chinesischen Besucher der Stadt, der von einem illegal eingewanderten Senegalesen eine in China hergestellte Imitation einer britischen Burberry-Tasche kauft.

Die einheimische Klage über die zu vielen Touristen ist nicht neu, und die Migrationsströme in der und durch die Serenissima sind noch viel älter. Relativ neu allerdings - das macht Migropolis deutlich - ist die Strategie zur systematischen Erschaffung von "Grande Venezia" . Es war der Industriemagnat und Mussolini-Freund Giuseppe Volpi, der einerseits das Hinterland bis zur Hypertrophie modernisieren ließ und andererseits die Grundsteine für eine flächendeckende Hotellerie legte.

Hyperreale Verdoppelungen

Fotos können diese Entwicklung illustrieren. Um sie in ihrer Tiefenwirkung zu verstehen, bedarf es weiterer Mittel. Die Ausstellungsmacher unter der Leitung von Wolfgang Scheppe, Philosoph an der Architektur-Uni Venedig, haben das vermeintliche Reise-Idyll an der Adria in ein Raster von Daten eingefügt und damit politisch durchleuchtet. In einem der Säle legen sich Grafiken und Zahlen über 27 Pläne von Venedig. Sie zeigen unter anderem, wie viele Kreuzfahrttouristen hier monatlich andocken (mehr als die Stadt Einwohner hat); wie viel ein Billigflug kostet (z. B. $ 27,- aus London) und wie viel eine illegale Einwanderung ($ 5500,- aus Moldawien); wo man noch Obst und Gemüse einkaufen kann und wo die globalen Brands vertreten sind.

Venedig ist im Übrigen selbst längst eine Marke geworden, eine Simulation seiner selbst - auch diese Eigenart der Stadt, die ihr mehr als jeder anderen anhaftet, bringen die Kuratoren auf den Punkt. Man kann, wie in der Ausstellung schön zu sehen ist, auch nach Las Vegas oder Macao fliegen und erlebt dort hyperreale Verdoppelungen, die Imitation der Simulation. Die Beschwerden, dass Vegas nur eine vulgäre Kopie sei, ist Heuchelei. Es ist die Beschwerde von Geschäftsrivalen.

Die Objekte in den Schaukästen ergänzen anekdotisch die Analyse von Migropolis. Abgesehen von den Zeitungsausschnitten über die "Gefahr der Immigranten" sind die Texte auf Englisch, der Katalog  ebenfalls, was die betroffenen Bewohner leider ausschließt.

Wie der Situationist Guy Debord, hier zitiert, schon gesagt hat: Den Spektakel kann man nur mit spektakulären Mitteln kritisieren. Im kleinen Rahmen ist es Migropolis am Beispiel Venedigs gelungen. (Michael Freund aus Venedig / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.11.2009)

 

Bis 6. Dezember

 

  • Nur wer kauft, soll kommen: Venedig ist in jeder Hinsicht an die Grenze seiner Belastbarkeit gelangt.
    foto: wolfgang scheppe / migropolis

    Nur wer kauft, soll kommen: Venedig ist in jeder Hinsicht an die Grenze seiner Belastbarkeit gelangt.

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