Handel auf riskanter Gratwanderung

26. November 2009, 18:12
1 Posting

Der Weg zu einem neuen Lohnabschluss im Handel ist steiniger denn je. Die Gewerkschaft droht mit Kampfmaßnahmen, Arbeitgeber warnen vor Konsumeinbruch

Wien - Alfred Greis hat Erklärungsnotstand. Er müsse den tausenden Mitarbeitern der Rewe darlegen, warum ihr Konzern zwar europaweit gut unterwegs sei und heuer auch in Österreich alle Planzahlen erreiche, sich für sie aber dennoch "kein fairer Gehaltsabschluss" abzeichne, sagt er. Für seine Leute sei das alles schlicht unverständlich.

Greis ist Betriebsratschef der Billa AG und bereitet sich mit hunderten Mitstreitern auf ein Kräftemessen vor. Sollte es heute am Freitag, dem letzten Verhandlungstermin keine Einigung über den neuen Gehaltsabschluss im Handel geben, werde das Weihnachtsgeschäft nicht störungsfrei verlaufen, warnt Gewerkschafter Manfred Wolf; er droht mit Aktionen aller Art und spart nicht mit Dramatik: Die Zeichen stünden auf Sturm. Darauf stünden sie vor Kollektivvertragsrunden alle Jahre wieder, sagen Wirtschaftsforscher.

Erste Proteste gingen in Wiener Einkaufsstraßen am Mittwoch über die Bühne. Das Umfeld ist gespalten: Die Steuerreform und gute Gehaltsabschlüsse haben den Konsum gestützt. Der in den Vorjahren nicht gerade verwöhnte Einzelhandel koppelt sich daher heuer in der Krise positiv von anderen Branchen ab. Wifo-Experten erwarten für das Gesamtjahr einen realen Zuwachs von 0,2 Prozent. Das ist Wasser auf den Mühlen der Arbeitnehmer: Denn ein guter Zahler war der Handel noch nie: Kassiererinnen im Supermarkt kommen im Monat auf 700 bis 900 Euro netto. Bis zu 70 Prozent arbeiten Teilzeit. Ohne ein zweites Einkommen wird es knapp, kreditwürdig ist man damit in der Regel nicht. Im Vergleich zur Industrie hat der Handel bisher zwar kaum Jobs gestrichen. Die Personaldecke ist aber meist dünn und der Arbeitsdruck gestiegen.

Prächtiger Verdienst

Im Handel verdienen einige große Ketten auch in der Krise prächtig, zeigen ihre Bilanzen. Sie holen sich zunehmend Marktanteile und Mitarbeiter. Ein Barometer fürs Befinden der gesamten Branche sind sie nicht. Mehr als Drittel der Handelsbetriebe schreibt Verluste, ihre Eigenkapitaldecken sind dünn. Die jüngste KV-Erhöhung kostete Ketten mit 1500 Mitarbeitern vier Mio. Euro. Wer viel Personal für Service und Beratung beschäftigt, verliert.

Auch mit dem günstigen Umfeld ist es voraussichtlich ab dem zweiten Quartal 2010 vorbei. Kurzarbeit und zunehmende Arbeitslosigkeit werden den Konsum bremsen. Bereits jetzt hängen einige große Handelsketten am Tropf der Banken, Insolvenzen drohen. Die Branche kämpft mit enormen strukturellen Problemen, dass sie sich mit geringeren Gehältern lösen lassen, bezweifelt die Gewerkschaft. Je höher die Löhne, desto stärker die Kaufkraft, lautet ihre Formel. Allein die Kosten steigen, sagen Arbeitgeber.

Ihr Chefverhandler Fritz Aichinger will die Gratwanderung heute schaffen, sagt er und gibt sich zuversichtlich ob des guten Ausgangs der Verhandlungen. "So schwierig wie diesmal war es aber noch nie." (Verena Kainrath, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 27.11.2009)

 

Share if you care.